Band 
[Fünfter und sechster Band.]
Seite
72
JPEG-Download
 

72

und empfindsame Dame, und das Vermögen, über das sieVerfügung traf, kam von ihr her. Ich sehe auch bei Gottnichts Unkluges und nicht halb so viel Unbilliges in so einemTestamente, als bei einem Majorate; denn jenes erhält dieFamilie nicht allein auf Erden, sondern auch im Himmel beiAnsetzn."Gehen Sie, Herr Wirth," unterbrach ich ihn,Sie haben vorhin sehr richtig über Ihren Beruf geurtheilt:Philosophie liegt wirklich ganz außer Ihrer Sphäre. GehenSie und schaffen Sie mir ein Glas Limonade." Er ging;doch ehe ich mich noch im Geringsten von meinem Schreckenerholt hatte, stand er mit seiner Bouteille und seinem Ge-schwätze wieder vor mir.Da Sie doch," sagte er, indemer mir einschenkte,eine Flasche Limonade nöthig haben,um über das Schicksal Fräulein Klärchens Ihr Blut zu be-ruhigen, wie viel werden Sie nicht brauchen, wenn Sie erstdie Geschichte des Bruders erfahren!"Ich mag sie garnicht wissen, Herr Wirth. Was so eine Seele angeht, istmir ganz gleichgültig."Das wird es Ihnen nicht bleiben;lassen Sie mich nur erst erzählen. Daß Fräulein von Saint-aignan den Schleier annimmt, gereicht keinem Menschenzum Nachtheile, so wenig als ihr selbst. Ihr Herz ist nochnicht vergeben, und das Kloster befreit sie von allen Nach-stellnngen. Wenn einem Manne aber, wie dem jungenMarquis, des Heilands wegen eine Braut untreu wird, soist dieß wohl ein seltneres Unglück, und unserm jungen Herrnmuß es noch viel schmerzhafter fallen, weil sein Schwesterchen