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5 (1863) Fünfter Band. Kopal–Ozon
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Korallen

eine, die Edelkoralle (Isis nobilis), aus der Familie der Rindenkorallen, ist, da ihr schonrothes Kalkgerüst zu allerlei Kunstwerken verarbeitet wird und man sie, besonders in Indien,fast den Edelsteinen gleich achtet, der Gegenstand eines lebhaften Handels und einer ausgebrei-teten Industrie. Die Heimat derselben ist das Mittelmeer, wo sie besonders an der afrikanischenKüste in Rissen und Spalten der Felsen gedeiht und mit eigenen Instrumenten und Schlepp-netzen abgerissen wird, was stets eine langwierige Operation ist, da sie sich bis in eine Tiefe von800 Fuß anbaut und die größten Stöcke meist nur in dunkeln, seitlichen Spalten der Felsen sichfinden. Für die Fischer des Mittelmeers ist der Korallenfang eine ebenso reiche Quelle vonSagen und abenteuerlichen Geschichten wie für die Bewohner des Binnenlandes die vergrabenenSchätze und die mineralischen Reichthümer im Innern der Berge. Heutzutage wird die Korallen-fischerei vorzüglich von Maltesern und Italienern (namentlich von Livorno und Torre bei Grecoaus) betrieben, während sie früher mehr in den Händen der Franzosen und Engländer war.

Die Bearbeitung der Korallen geschieht in der Weise, daß man die ungefähr fußhohen,blätterlosen Bäumchen gleichenden Stöcke in Stücke von der erforderlichen Größe zerschneidet unddann nach Dicke, Größe, Farbe und Schönheit voneinander absondert. Hierauf werden sie ent-weder blos geschliffen, polirt und ohne weitere Zurichtung verkauft, oder man theilt sie in kurze,passende Stücke und durchbohrt diese mit stählernen Nadeln, wobei die Koralle zwischen zweischräg gegeneinander stehende Bretchen geklemmt und fortwährend angefeuchtet werden muß, weilsonst der Körper im ausgetrockneten Zustande leicht springt. Die durchbohrten Korallen werdenhierauf auf einen Drahtstift gereiht und mit Sandstein geglättet; alsdann wird jede Perle aufeiner Drehscheibe rund geschliffen und zuletzt noch einmal mit Oel polirt. Die fertigen Perlenwerden nach ihren verschiedenen Nuancen und nach ihrer Größe in siebartigen Näpfchensortirt. Je größer eine Koralle und je lebhafter ihre Farbe ist, desto höher steigt sie im Werthe;eine echte untadelhafke Koralle von der Größe einer Flintenkugel kostet im Handel z. B. bis dreiDukaten. Die kleinern rothen von der Größe der Perlgraupen werden in eigenen Fabriken zuKorallenperlen verarbeitet und nach ihrer größern oder geringern Schönheit erstes, zweites, drittesBlut, Blutschaum oder Blutblume genannt. In Italien unterscheidet man beim Verkauf sechsverschiedene Sorten. Die Verarbeitung der Korallen erfolgt vorzugsweise zu Marseille, Genuaund Livorno. In letzterm Orte existiren außer einigen kleinen allein vier große Etablissements,von denen jedes 250300 Arbeiterinnen beschäftigt. Der größte Theil der Erzeugnisse dieserFabriken geht über Marseille nach Ostindien, wo jährlich für 3,800000 Fr. eingeführt werden;zu Madras allein sollen sich jetzt 30,000 Menschen mit Verfertigung von Frauenputz aus Korallen,Perlmutter und Glas beschäftigen. Der Verbrauch in Europa ist mit Ausnahme von Rußland,wo dieser Artikel sehr gesucht ist, verhältnißmäßig nur gering.

Wie groß der Verbrauch der rothen Edelkoralle im allgemeinen ist, kann man aus denBerichten über die Aus- und Einfuhr derselben in Frankreich schließen. Im Jahre 1856 wurdenin Frankreich 16133 Kilos rohe Korallen (3056 von den beiden Sicilien, 3952 von Spanien,2443 aus Sardinien, 1132 aus Toscana, 4839 aus Algier und 711 aus andern Ländern)eingeführt, im Werthe von 33 Fr. das Kilogramm, und außerdem noch 7118 geschnittene, imWerthe von 210 Fr. das Kilogramm. Ausgeführt wurden 21128 Kilogramm rohe und9716 Kilogramm geschnittene Korallen. Im Jahre 1857 betrug die Einfuhr nur 9299 Kilo-gramm, die Ausfuhr hob sich dagegen auf 22340 Kilogramm rohe und 12201 Kilogrammgeschliffene, aber nicht gefaßte Korallen.

Am geschätztesten waren die Korallen in Europa, namentlich die von einem schönen Blutroth,zu Ende des vorigen und Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts, wo man eine MengeSchmuckgegenstände, wie Ohrgehänge, kleine Knöpfe, Perlen zu Hals- und Armschmuck, Brochen,Uhrbreloques u. s. w. daraus schnitt. Dann ging die Mode darüber hin und die Korallen sankenim Preise. Zehn oder fünfzehn Jähre später kamen sie wieder auf, aber als Cameen zu Brochen,Bracelets, Nadeln u. s. w. verarbeitet, die zienilich theuer verkauft wurden. Da aber die Aus-führung derselben meist sehr unvollkommen war, so kamen sie bald wieder in Vergessenheit, undman beschäftigte sich nur noch mit Korallen hinsichtlich ihres Exports nach dem Orient, wo sieaußerordentlich geschützt und theuer bezahlt werden. Es gibt fast keine Jndierin, die nichtwenigstens ein Armband von einer oder zwei Reihen Korallen trägt, ja dieselben ziehen diesenSchmuck noch ihren werthvollen Diamanten vor, da die rothe Farbe ihren olivenfarbigen oderbraunen Teint lieblich hebt. Seit einigen Jahren scheint auch bei uns die Koralle wieder inAufnahme zu kommen, aber weniger die von blutrother, als die von mehr rosenrother Faxbe,welche man als glatte Perlen geschnitten jetzt viel als Halsschmuck trägt. Der Schmuck aus den-