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Krankheit
Krankheit. Es ist nicht möglich, eine scharf umgrenzte und erschöpfende Erklärung diesesBegriffs zu geben. Es bildet derselbe nach dem gemeinen Sprachgebrauche den Gegensatz zuGesundheit, die ebenso wenig scharf definirbar ist. Beide Begriffe werden nur von organischenWesen und namentlich den höhern, Thieren und Menschen, gebraucht, während anorganischeGegenstände, mögen sie auch noch so künstlich construirt, aus noch so vielen Theilen zusammen-gesetzt sein (eine Uhr, eine Maschine u. s. w.), weder gesund noch krank genannt werden. Es fitalso der Begriff des Lebens eng mit den bezeichneten verbunden, und wird allermeist zugleich vor-rausgesetzt, daß das betreffende organische Individuum ein Bewußtsein von den regelmäßig ver-laufenden oder in irgendeiner Weise gestörten Lebensvvrgängen habe, daß es sich also in demersten Falle gesund, wohl, in dem zweiten krank, unwohl fühle. In diesem Sinne aufgefaßt, wirdallerdings der Ausdruck „eine Pflanze ist krank" zu einem bildlichen, da dieser das Bewußtseinüber ihr Befinden, d. i. über die in Ordnung verlaufenden oder gestörten Lebensvorgänge abgeht;insofern jedoch die Pflanze ein lebendes, organisches Wesen ist, kann man bei ihr recht wohl auchvon Krankheit sprechen, wie ja auch im gewöhnlichen Leben häufig genug geschieht (z. B. Kartoffel-,^.raubenkrankheit u. s. w.). Wir halten uns hier jedoch an die erstere, engere Auffassung, zumalnach dem geläufigen Sprachgebrauche die Begriffe Wohlbefinden und Gesundheit sowie Unwohl-bepnden und Kranksein für gleichbedeutend genommen werden. Doch ist weiter zu ergänzen, daßurcht jedes Wohlbefinden das Zeichen von Gesundheit und jedes Unwohlbefinden wirklich inKrankheit begründet ist. Es können hochgradige Schwindsüchtige sich nach ihrer Meinung rechtwohl befinden, und doch wird es niemand einfallen, solche als gesund zu bezeichnen, und umge-kehrt befindet sich mancher unwohl, der nach unsern Begriffen und dem auf genaue Untersuchunggestützten Urtheile des Arztes nicht krank ist. Es kommt also noch in Frage, ob die Vorgänge,welche die Erhaltung des Lebens und die geistigen und körperlichen, nach allen Richtungen hinwirkenden Thätigkeiten vermitteln, in geordneter Weise erfolgen oder nicht, ob sie in einer Weiseerfolgen, welche einen Fortbestand des Lebens mit größter Wahrscheinlichkeit erwarten oder be-fürchten läßt, daß die lebende, organisirte Maschine bald still stehen werde. Wollte man dieEigenschaften der Gesundheit und Krankheit von der Integrität der einzelnen Organe und Gliederund von deren Vollständigkeit abhängig niachen, so würde das zu lächerlichen Consequenzen führenund müßte man die meisten Menschen als krank erklären. Denn abgesehen davon, daß wir fürdie Zahl der Blutkörperchen, die einzelnen Fasern, welche einen Muskel, die Bläschen, welche eineLunge u. s. w. zusammensetzen, keine absoluten Maße haben und also auch nicht im Stande sind,in dieser Weise über die Gesundheit eines Organs und des Körpers, dem dasselbe angehört, zuurtheilen, so finden wir auch, um nur auf gröbere Verhältnisse zu verweisen, viele gesunde undvon allen als gesund bezeichnete Menschen, welche irgendeinen Bildungsfehler (ein mangelndesGlied u. s. w.) oder durch eine Verletzung einen größern oder kleinern Theil eines Organs ver-loren haben. Solange aber keine wesentlichen Nachtheile für die Lebensvorgänge aus diesenFehlern entspringen, kann man solche Menschen auch nicht krank nennen. Der Begriff der Gesund-heit ist also einer gewissen Dehnbarkeit fähig, und man spricht in dieser Beziehung von einerBreite der Gesundheit, d. h. nicht alle Störungen in der chemischen und morphologischen (dieGestaltung der einzelnen Theile betreffenden) Zusamniensetzung des Körpers und seiner Theilekönnen Krankheiten genannt werden. Es find also nicht, wie gebräuchlich angenommen, Gesundheitund Krankheit vollkommene Gegensätze; vielmehr liegt zwischen beiden noch ein Zustand, welcherstreng genommen nicht mehr der vollkommenen Gesundheit zugerechnet, aber auch nicht als Krank-heit bezeichnet werden kann. Außer den angeführten Begriffen Gesundheit und Krankheit, Wohl-und Unwohlbefinden find noch eine Menge andere theils von ebenfalls allgemeiner, theils vonbesonderer Bedeutung gebräuchlich. Zu erstern gehören Störung, Leiden u. s. w., zu letzternUnpäßlichkeit, für einen geringen Grad von Krankheit, Misbildung, Deformität, für ange-borene Organfehler, Fehler, für erworbene (Amputationsstümpfe, Verstümmelungen) gebräuchlich.Unter schwacher Gesundheit versteht man eine solche, welche durch verhältnißmäßig gering-fügige Ursachen gestört werden kann. Oft liegt einer solchen sogenannten schwachen Gesundheitirgendein wirklich bestehendes, aber vielleicht zur Zeit noch verborgenes Leiden (eine sich ent-wickelnde Krankheit des Magens, der Lungen, des Blutes u. s. w.) zu Grunde.
Ueber Wesen und Sitz der Krankheit find die verschiedensten und zum Theil recht aben-teuerliche Ansichten, welche vielfach noch in den Köpfen der Laien spuken, aufgestellt worden.Daß man in gröberer Form oder feinerer Umhüllung und Umschreibung sich die Krankheiten zuZeiten als selbständige Wesen dachte, welche wie böse Geister in den Körper führen, bald hter,Haus- und Familien-Lexiton. V. 4