470 Meer
Im südlichen Theil dieses Oceans führt eine Strömung die kalten Wässer der hohen südlichenBreiten an der Westküste von Südamerika entlang, dort die entgegengesetzte klimatische WirkuNtldes Golfstroms übend, da sein Wasser noch mitten in der Tropenzone um 12—13° kälter istdas seiner Umgebung. Er folgt der Küste bis zu ihrem äußersten westlichen Punkte und wendesich dann direct nach Westen, vom Lande abströmend. Außer diesen großen oceanischen Strö-mungen entstehen noch vielfältig deren kleinere durch mehr lokale Veranlassungen, z. B. aus deOstsee ins Kattegat, aus dem Atlantischen Ocean ins Mittelländische Meer u. s. w.; in der Regesind dieselben von andern unterseeischen Strömungen in gerade entgegengesetzter Richtung ^gleitet. Wo zwei solche lokale Strömungen aufeinander treffen, entstehen, namentlich wenn^Mfandere Hindernisse, wie Klippen u. dgl., hinzutreten, meistens Wirbel und Strudel, die zum The>,nicht ganz ohne Gefahr sind für kleinere Fahrzeuge, wenn auch bei weitem nicht in dem Gra^gefährlich, wie sie meistens durch althergebrachte Sagen geschildert werden. So entstehen dierühmten und vielbesungenen Strudel Scylla und Charybdis in dem Golf zwischen Sicilien »nCalabrien durch das Zusammentreffen einer längs der Nordküste von Sicilien und einer an d0Westküste von Italien sich bewegenden Strömung. Die Scylla ist noch immer die gefährlichere,doch fordern beide nicht mehr die Opfer, die sie zu den Zeiten de? Odyssens beanspruchten.nicht minder berüchtigte, aber ebenfalls nicht gefährlichere Malstrom bei den Losfoden an i clNordwcstküste Norwegens wird durch die Flutwelle gebildet, die dort, wie überall in engen Kanälcn-als Strömung auftritt und zwar, da sie von beiden Seiten in die zwischen den beiden äußerst^Inseln befindliche Meerenge einläuft, als entgegengesetzter Doppelstrom, der an der in der iW 1jenes Kanals gelegenen Musköeklippe diesen Strudel hervorruft. Beruhen die Strömungen ameiner wirklich fortschreitenden Bewegung des Meerwassers oder wenigstens einer gewiffen Sa>mdesselben, so gewährt dagegen eine andere Bewegung des Meeres, der Wellenschlag, mehr nur denAnschein des Fortschreitens, während in Wirklichkeit die Wassertheile hauptsächlich in verticanRichtung auf und nieder schwingen und sich dabei wenig oder gar nicht vorwärts bewegen. R'Nwenn eine Welle, indenr sie auf ein Hinderniß stoßt, sich überstürzt, findet ein Fortschleudern eiu^bedeutenden! Wassermasse statt, und dann vermag oft eine einzige solche mächtige Welle die fur^ 'barste Zerstörung anzurichten und die stärksten Masten wie Rohrhalme zu knicken. Diesersind stets die Wellen der Brandung, die, durch die Küste am Fortschreiten gehindert, durch ^nachfolgenden Wellen gedrängt, bei heftigem Sturm oft weit aufs flache Land binaufgeworstoder an steilen Felsklippen zu Schaum zersplittert und bis zu unglaublicher Höhe emporgeschnewerden. Wie hoch in offener See die Wellen im Sturme sich zu heben vermögen, wird sehr rCtschieden angegeben; sie sollen bis zu 20, nach andern gar bis zu 35 Fuß Höhe ansteigen können-Zuverlässige Beobachtungen existiren indessen darüber bisjctzt wol kaum. Die Wellen sind übU'gens nicht nothwendig an die Gegeiuvart des Windes gebunden. Ein in der Ferne wüthend^Sturm kann das Meer in Schwingungen versetzen, welche unter Umständen den Beobachtung-^eher erreichen als der Sturm selbst; ja es kann vorkommen, daß der letztere überhaupt gar n> ■au jenem Orte erscheint. Theils zu diesen Wirkungen in die Ferne, theils zu den Nachwirkungfrühern Windes ist auch die leise Bewegung zn rechnen, die der offene Ocean selbst bei völlig ^Windstille und scheinbar spiegelglatter Oberfläche zu behalten pflegt, Wellen, deren Länge 11Verhältniß zur Höhe so groß ist, daß das Auge sie kaum wahrzunehmen vermag, und man M_durch die gelegentlich starke Auf- und Niederbcwegung deS Schiffs erkennt, daß ihre absolute 4? iJnicht völlig so gering ist, wie sie erscheint.
Man kann die Betrachtung des Meeres nicht schließen, ohne sich des segensreichen Einflulfl-zu erinnern, den es nicht nur auf unsere klimatischen Verhältnisse, sondern auch auf die Förden»',der höhern Interessen des Menschengeschlechts, auf unsern ganzen Bildungsgang geübt hat. !,rend es den Völkern im Kindheitszustande ein einschränkendes Hinderniß war, eine Grenze,ihren Wanderungen ein Ziel setzte, bot es spätern Geschlechtern im Gegentheil eine willkommenErleichterung des Verkehrs, ein Mittel, zu fernen Ländern vorzudringen, und indem e* ^Charakter der seefahrenden Nationen durch den Kampf mit den Elementen und den Antrieb»immer kühnern Unternehmungen kräftigte, regte es gleichzeitig die Wiffenschast zu neuen Ä'bschungen an, nöthigte den Erfindungsgeist zur Ueberwindung der vorhandenen Hindernissereizte durch einen reichen Schatz neuerworbener Kenntnisse das Verlangen nach immer we> *Entdeckungen. Es ist ohne Zweifel, daß namentlich in den letzten 3 — 4 Jahrhunderten ^ausgedehntere Benutzung des Meeres wesentlich beigetragen hat zu dem neuen Aufblüheneuropäischen Cultur, das seitdem begonnen hat.