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5 (1863) Fünfter Band. Kopal–Ozon
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553
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Mitleid und Theilnahme 553

dorten versteht, die im Laufe eines Tages an sein Trommelfell anschlagen. Wie aber das Kindund nach aus dem Wortmeer des täglichen Umgangs doch einige leichte Worte heraus-höbst und wohl oder übel nachahmt, so wird es auch aus der Sprache der Empfindung einzelneflache Symbole, die oft wiederkehren, herausgreifen und sich aneignen. Das Kind ahmt jedochhrte, es ahmt Zeichen der Empfindung nach, ohne sie zu verstehen. Daher muß noch einschritt weiter gegangen werden. Die Sache muß mit dem Worte, die Empfindung mit ihrempichen verschmolzen werden. Doch die Empfindung ist unsichtbar. Was ist nun zu thun, damith Kind an sichtbaren Zeichen in die unsichtbare Welt hinabsteigt und z. B. dem Lächeln einenhingen Zustand im Innern des Menschen unterlegt? Die Antwort ist leicht, wenn auch nichtble Ausführung.

Wie wir dem Kinde einen Baum zeigen, damit es, wird von ihm gesprochen, uns verstehe,j® Essen wir ihm auch Empfindungen zeigen, aber nicht an andern, denn die kann es ja nichtWahrnehmen, sondern in ihm selbst, d. h. es muß sie selbst in sich erzeugen. Sobald aber eine^Pfindung im Gemüth des Kindes sich ausbreitet, wird sie auch vom äußern Ausdruck, ähn-dem anderer Menschen, hervorbringen. Seiner Empfindung sich bewußt, wird es vermittelstkeiner Sinne auch von ihrer Aeußerung Kenntniß nehmen, und treten ihm später an andern. rsouen ähnliche Gemüthsäußerungen entgegen, wird es dieselben verstehen, an ihnen in denZustand eines andern hinabsteigen, in sich selbst aber ein Nachbild jenes Zustandes er-Somit ist die eigene innere Erhebung der Urquell der Theilnahme, und Möser weisth Recht auf das Wort des Helvetius bin: „Le sentiment seul est en etat de juger le sen-St." Oder wer hat die meiste Theilnahme mit einem hungerigen Spätzchen, einem frierendenEe, wer mitten im Wohlleben Hunger und Frost nicht empfunden, oder wer durch die Schuleet Armuth und des Elends gegangen ist? In diesem Sinne sind daher arme Kinder unendlichH denn ihre Noth kann ihnen die Mutter einer reichen Theilnahme werden. In diesemhne ist auch der größte Schmerz, den wir erleiden, ein Segen für uns und andere, denn ausheraus quillt das Verständniß ähnlicher Leiden. So hat also die zärtliche Mutter, wenn sie® lu Krankenbette ihrer geliebten Kinder steht, den süßen Trost, daß inmitten großer SchmerzenKind beständig Material dafür sammelt, um nach glücklich erfolgtet Genesung die LeidenÖderer zu verstehen, sein Mitgefühl also in noch reicherm Maße, als bis dahin geschehen,thätigen zu können.

- Die erste Forderung zu Erweckung der Theilnahme besteht also darin, daß das Kind viel-Me Erfahrungen an Empfindungen mache, und da die schmerzlichen vom Schicksale selbst schon^Eichender geboten werden, so würde die Sorge der Aeltern zunächst nur darin zu suchen sein,auch die freudigen Empfindungen in großer Anzahl vom Kinde eingesammelt werden können.wNchen Kindern gegenüber, namentlich solchen, die sich, wie die Sanguiniker, durch Flüchtigkeit in derhdfindung auszeichnen, wird es freilich nöthig sein, sie zur Vertiefung in die eigene Empfindungh besonders zu erinnern, sich derselben namentlich durch mehrmalige Reminiscenz wieder zu^gegenwärtigen, damit ihnen nicht nach und nach das angesammelte Material wieder ab-luden komme. Vor allem muß aber frühzeitig der Blick des Kindes auf die den Empfindungenj^afteiibeH Gesten gerichtet werden, namentlich um bald die feinen Nuancen des^Gemüths-bbeus deuten und verstehen zu lernen. Lachen und Weinen, dieses ABC in der «spräche derAbfindung, bietet dem Verständniß keine Schwierigkeit dar, aber ein Stirnrunzeln, ein Zucken? lt den Achseln, ferner ein plötzlich geröthetes Gesicht, ein kummervolles Auge wird schonherer verstanden. Hier gilt es, was Schleiermacher so schön sagt: „Nicht allein auf die lauthchendsten Scenen des Unglücks sollt ihr den Blick des Mitleids richten, wodurch sogar einMisses Abstumpfen bewirkt werden kann, sondern schärfen sollt ihr das Auge, seine Sehkraftfeinern, damit es die tausend feinen und oft scharfen stacheln gewahren lerne, welche in der./"schlichen Brust sogar empfindlichere Schmerzen als jene Klaffenden Wunden hervorrufen^üüen." <zs muß daher das Kind im Zustande der eigenen Empfindung auf seine Gesten auf-E">anr gemacht werden.

m Wird auf diese Weise der Theilnahme frühzeitig vorgearbeitet, so ist zu erwarten, daß dasburch die gewonnene Bereicherung seines Wissens in Bezug auf innere Gemüthszustände"derer sich von selbst weiter ausbildet. So braucht ein dreijähriges Kind nie Zahnschmerzenf* at>t ö" haben. Wird aber die Hand an die Wange gehalten, und wird vielleicht mit einem.herzlichen Gesichtsausdrucke nur gesagt: ich habe Zahnschmerzen, so reicht dies vollkommen«uä ba§ Kind zum lebhaftesten Mitgefühl anzuregen. Anders ist dies jedoch, wenn das Kind* seinem gewohnten Vorstellungskreise heraus plötzlich in einen andern hinübergeführt wird.