Buch 
5 (1863) Fünfter Band. Kopal–Ozon
Entstehung
Seite
554
JPEG-Download
 

554 Mitleid und Theilnahme

So sind gefühlvolle Kinder keineswegs ohne weiteres mitleidig und theilitehmend mit den Ladenund Freuden der Thierwelt. Die Empfindungssprache der Thiere will erst besonders gelersein, da sie mannichfach abweicht von der der Menschen und die Thierquälerei der Knt e »oft aus den unschuldigsten Ursachen, hat hier ihren Grund. Endlich ist erforderlich, daß ^Aeltern selbst ihre Theilnahme in thätiger Weise bekunden, damit sich das Kind noch am -öenspiele weiter emporarbeite. Daher muß einem kranken Hausthiere die sorgfältigste Pflege w -möglich immer im Beisein der Kinder zu Theil werden. Letztere müssen auch sehen, welcheoft dazu gehören, um die Schmerzen anderer schnell und andauernd beseitigen zu können.ist wichtig, soll, wie weiter unten ausgeführt werden soll, die Theilnahme zur Tugend erstatten-Sie müssen aber auch bei ihren Aeltern Consequenz in der Theilnahme sehen. So gibt es ame-rikanische Pflanzer, die gegen Weib, Kind, Freund und fremden Weißen mitleidig und barmherWsind, aber in demselben Augenblick gegen ihre Sklaven die gemeinsten Grausamkeiten übemman sieht ferner täglich Menschen, welche keinen Leidenden ohne tiefes Mitgefühl ansehenohne eine barmherzige That von sich entlassen können, dabei aber Hunde und Pferde zuzu peinigen vermögen.

Hiermit sind die Mittel zur Theilnahme jedoch keineswegs erschöpft, namentlich ist esder eigenen Erfahrung der Kinder noch nicht abgethan. An ihr entspinnt sich die Theilnah^'aber sie kann sich nicht daran vollenden. Wie sich ein Knabe nämlich viele sinnliche Gegensinnnicht zur Anschauung bringen kann, sondern der Abbildungen und Beschreibungen bedarf, l jes auch mit vielen Empfindungen des menschlichen Herzens. So soll das Kind die Empfindung^welche z. B. der Eitelkeit, dem Stolze, dem Hasse u. s. w. zu Grunde liegen, gewiß nichteigener, innerer Erfahrung kennen lernen. Aber es soll sie gleichwol verstehen und sich ®ihnen Nachbildungen erzeugen. Wo nehmen wir nun hier die Abbildungen her? Wir brau«nicht weit zu suchen. Wir führen die Kinder unter Menschen und zeigen ihnen dieselben in ihnEmpfindungen. Sie sehen dann allerdings nur das Aenßere des Menschen, gewissermaßen n ?die Skizze der Empfindung; aber mehr empfangen wir auch nicht von der Abbildungfremdartigen Gegenstandes. Wir müssen uns hier die räumliche Ausdehnung und oft v>aandere noch hinzudenken, und so werden wir auch dort anfangs nur ein schwaches Nachbild ^ ^Empfindung erreichen. Aber mehrfache Abbildungen, und zwar von verschiedenen Seiten, wcndort den Gegenstand, hier die Empfindung, uns immer vollständiger vor die Seele füv^ 'Wo nun aber solche Abbildungen fehlen? Eine sorgfältige Mutter weiß sich da schon zu heu^Da sammeln sich die Kleinen um sie mit der Bitte: „Ach, Mama, eine schöne Geschichte!" ^sie setzt sich 'hin und erzählt ihnen mit möglichst mimisch-dramatischer Wahrheit eins jener schöntMärchen, an denen wir wahrlich nicht arm sind. Bei diesen Erzählungen wird der Neid, ^Hochmuth, der Eigensinn, es wird die Grausamkeit, der Leichtsinn und die Dummheitbestimmten mimischen Ausdruck finden müssen. Dies aber ist nicht genug. Wie sich Abbildung'nur gut einprägen, wenn man sie copirt, so müssen die Kinder veranlaßt werden, das MärEdie Geschichte, jetzt selbst-möglichst dramatisch aufzuführen. Und wie schnell geht das: »ohmache den Fuchs", ruft gleich einer der größern. „Und ich den Bär!" ruft ein anderer u. I- 'Schnell sind die Rollen vertheilt. Und da kriecht ein Knabe auf allen Vieren, den schlauennachahmend: da kommt der Bär aus seiner Höhle hervor, sich in seinem Hochmuthe hoch sl 'richtend. So üben sich die Kinder in Worten und Empfindungen. Hierbei können auch noch 3Abwechselung bestimmte Geberdenspiele in Wirksamkeit kommen. Wie Schreber in seiner t>etrefflichen Schrift über Sinnesschärfungen Uebungen eingeführt hat, daß ein Knabe aus 6Geräusche den Gegenstand erkennt, mit welchen etwas hervorgerufen worden ist, wie er beigewendeten Augen Gegenstände befühlen und näch dem Gefühle bestimmen läßt, wie ferner egeschickter Lehrer durch Anzeichnung eines Fragments von einem Gegenstände den letzter» jrathen lassen kann, so vermag man auch durch Angabe einer einzigen Geste, wenn gut dargefl^ 'den ihr zu Grunde liegenden Seelenzustand anzudeuten. Sind die Kinder in der Lösung j 1artiger Aufgaben geschickt, so können sie veranlaßt werden, bestimmte Charaktere selbst darzustem^was ihnen ebensowol Freude wie Gewinn bringt. Ist. die Darstellung nicht richtig, so corngdie Mutter oder der Vater, bis sie genügt. ^

Aeltere Kinder hingegen werden sich nicht leicht mit Märchen mehr begnügen. SieGeschichte schon in die Wirklichkeit eingeführt, wenn auch in eine vergangene. Hier ist es " 'wo Schauspiele, von Kindern selbst dramatisch aufgeführt, die Bildung der Theilnahme fAsollen. Leider sind wir an solchen Schauspielen sehr arm; denn daß die Kinder an fc^tea?Stücken nicht ihren Geschmack verderben, daß sie auch nicht in Vorstellungskreise gehoben wet