Mitleid und Theilnahme , 555
^rfen, die ihnen noch eine Zeit lang fern liegen müssen, versteht sich von selbst. Die KinderMüssen ferner einen Stoff behandeln, der sie in das Leben der Erwachsenen hineinträgt, die>hnen ja stets als Vorbilder vorschweben. Schanspiele daher, die wie so viele Kinderschauspielenns dem Leben der Kinder selbst gegriffen sind, können unmöglich dauernde Wirkung haben.Hier bietet die griechische und deutsche Sagengeschichte treffliches Material dar, und der tro-pische Krieg, Odysseus, Uhland's „Klein Roland", „Roland Schildträger" u. s. w. lassen sichMindern von 8 — 10 Jahren sehr gut anpassen. Aeltern Knaben lasten sich auch Schiller's"Wilhelm Tell", Goethes „Götz von Berlichingen", Uhland's „Ernst von Schwaben" und"Ludwig der Baier" mit einigen Abbildungen und Verkürzungen darbieten. Für englische und'^Mische Aufführungen empfehlen sich Scenen aus Shakspeare's „Cäsar" und. der „Bourg-^ßäter de Sardam".
Noch bleiben aus obiger Analogie gewiß außer den Abbildungen der Empfindungen dieSchreibungen übrig, zu denen man greifen muß, wenn die Wirklichkeit, wenn dramatischeErstellungen nicht hinreichen. Wer kann nun aber einen Augenblick zweifeln, daß wir dieSchilderung der Gefühle und Empsindungen am besten und vollständigsten aus der National-"iercstur schöpfen werden? Dort, wo, wenn nicht die größten Geister, so doch die größten Menschenentgegentreten und alt und jung gastfreundlich einladen, uns in ihren Herzen niederzulassen —:^°rt findet die Bildung zur Theilnahme ihren natürlichen Abschluß.^
^ Mit diesen Gesichtspunkten treten wir nun an die pädagogische Forderung heran, Mitleid undTeilnahme als Hebel sittlicher Bildung zur praktischen Darstellung zu bringen.
Hat sich nun zu diesem Zwecke schon im Laufe der vorstehenden Betrachtung ergeben, daßMitleid nur eine begrenzte Zahl von Gemüthszuständen zur Nachbildung bringt, wahrendTheilnahme den ganzen Reichthum von Empfindungen wiederzugeben sucht, in der -rheil-"ahme also das Mitleid mit inbegriffen ist, so gilt es zunächst, die Theilnahme als sympathetisches^ftühl gegen einzelne zu trennen von der Theilnahme für die Gesellschaft, und diese beiden^ten wieder zu sondern von der Theilnahme für die ganze Menschheit. Was nämlich die sym-pathetischen Gefühle gegen einzelne anbelangt, so muß vor allem der Thierwelt eine größerePachtung zugewendet werden, als dies gewöhnlich zu geschehen pflegt. Dieselbe steht in der^«t dem ersten Kindheitsalter viel näher, als man gemeinhin glaubt. So sind die Empfin-dungen eines erwachsenen Menschen oft so complicirter Natur und ihre äußere Erscheinung wirdpsehr verwischt von Rücksichten aller Art, daß das Kind nur schwer zur Sympathie hinauf-steigen vermag. Dagegen sind die Thiere offen und frei in ihrem Empfindungsausdrucke.>st und Convenienz haben hier keine falsche Sprache erfunden und darum ist der Seelen-^stand derselben auch den Kindern so nahe liegend. Ist daher ein vielseitiger Verkehr mitMstrn gewöhnlichen Hausthieren von großer Bedeutung für das sympathetische Interesse, so^wint an die nächste Stelle selbstverständlich der Umgang mit gleichalterigen Kindern zu stehen,"^iele Familien freilich befinden sich in der Lage, daß sie die erste Hülfsquelle entbehren müssen^ nur die zweite darbieten können. In diesem Falle muß man freilich auf mancherlei Con-icte gefaßt sein. Es treten z. B. allerlei unangenehme Händel, vielleicht auch zuweilen kleineSchlägereien in der Kinderwelt auf, die einzig und allein ihren Grund darin haben, daß die^treffenden keine Vorstellung von dem Schmerze haben, welchen sie einander verursachen, wiedun auch bei dem Vorhandensein von Hausthieren schon größern Knaben der Gedanke bek-ommen kann, der Katze die Nagel abzuschneiden und die Taube bei Lebzeiten zu rupfen, weilchte Theilnahme vielleicht nicht rechtzeitig gefesselt worden ist. Derartige Fälle müssen daher^üßer einer ernsten Rüge die Aeltern und Erzieher ausdrücklich darauf hinweisen, daß früherpnchez versäumt worden ist. Dies sind jedoch meist nur Abnormitäten. Gewöhnlich werden'ch zwischen Kindern, wenn die Auswahl nicht zu beschränkt ist, feste sympathetische Verhältnisse^ausstellen. Es werden Neigungen entstehen, aus denen sich. die schönsten freundschaftlichenPfühle entwickeln können. Diese Gefühle müssen nun, wenn irgendmöglich, begünstigt und^fördert werden. Denn abgesehen davon, daß erst durch eine vielfache Verkettung zweier WesenMitleid zu der höhern Stufe der Theilnahme emporsteigen kann, so ist z. B. das Wohlwollen,wser höchste ethische Gipfel, nur dann möglich, wenn die Sympathie so stark geworden ist, daß' e im Nothfalle sich selbst ein Opfer aufzuerlegen vermag. Dadurch nämlich, daß ein theilneh-knder Mensch sich selbst etwas Schmerzliches oder Unangenehmes um eines andern willen zu-»unruthen vermag, tritt er erst aus dem Zustands eines zwar natürlichen, aber an sich noch gar'cht werthvollen Verhältniffes und bekundet die sich selbst verleugnende Güte. Es ist zur Er-"ntniß der Kinderwelt von Interesse, in diesem Punkte auf Kleinigkeiten zu achten. Es gibt