Buch 
5 (1863) Fünfter Band. Kopal–Ozon
Entstehung
Seite
558
JPEG-Download
 

558

Mnemonik

Talent

Mnemonik, Mnemotechnik oder Gedächtnißkunst. Jede Kunst erfordert außer ^und Geschick eine lange Zeit der Uebung und ein ausschließliches Vertiefen in den Gegensta» ^soll sie mit Erfolg erlernt werden. Beinahe noch' größere Ansprüche macht sedoch das Behalt ^der erworbenen Kunstfertigkeit, denn es ist bekannt, daß, wie nian Sprachen bis zum vollständige'Vergessen wieder verlernen kann, so auch manuelle Fertigkeiten, wie Klavier - und BillarvM -lange Zeit ohne Uebung gelassen, beinahe ganz wieder verschwinden können. Ist bei Erlernungder Kunst freilich ein tüchtiger Grund gelegt worden, so bedarf es nur kurzer Zeit, rmr sich wie eau fait zu setzen. Wie ist dies aber mit der Mnemonik? Gesetzt, man habe diese Kunst in ezuletzt angegebenen Weise erlernt, wird man sie behalten, wenn man, ohne in der speciellen Kun>Fachmann zu sein, genöthigt ist, andern Bestrebungen Raum zu geben? Sicher wird mandieselbe, auf Zeit in Vergessenheit begraben, schnell wiedererobern, aber was ist dann gewonnen •Die alten Reihen, welche der Mnemotechnik« seinem Gedächtnisse eingeprägt hatte, sind ebe>vergessen, und nicht blos dies, auch die Art der Verknüpfung der festgehaltenen Vorstellungen ^verschwunden. Der Klaviervirtuos sucht die alten Notenhefte hervor und erneuert sich bald st>früheres Besitzthum. Der Schreib- und Zeichenkünstler macht neue Versuche mit Blei und Fed>N'gleichviel, ob die frühern Kunstproductionen vorhanden sind oder nicht, und bald ist erin den frühern Statusquo eingetreten. Angenommen aber, es habe sich jemand, sei es ndurch Reventlow oder Kothe, auf mnemonische Weise eine Reihe von Zahlen und Daten einlstprägt, so wird ihm eine Erneuerung und Wiederaufsrischung seiner Kunst wol zu neuen Reihverhelfen, aber die alten sind, wenn nicht eine neue Auffrischung derselben erfolgt, für immer döGedächtnisse entschwunden. Aus dem allem ergibt sich denn, daß es mit dem Studium dermonik so lange schlecht bestellt ist, als man nicht Aussicht hat, die Kunst als Fachgegenstand »

betreiben. Dem gebildeten Laien wird sie eine Zeit lang eine angenehme Beschäftigung sein,er wird Gelegenheit gewinnen, sich ein selbständiges Urtheil über diese Kunst zu bilden,besondern Nutzen wird derselbe nun und nimmermehr daraus ziehen. Es muß hier an

nndAberdc"

Goethe'schen Satz erinnert werden, daß man nur das auf die Dauer wirklich behält, was prast'^betrieben worden ist, und es kann daher behufs der Aneignung eines guten Gedächtnissesempfohlen werden, daß man sich lange und vielseitig mit denjenigen Gegenständen beschäftigt,als Wissens- und behaltenswerthe Objecte angesehen werden. ,

Gleichwol verlangt zuweilen das Leben die schnelle und dabei doch sichere ErlernungDingen, die außerhalb des eigentlichen Berusskreises liegen und deshalb auch späterhin wol wlt-vergessen werden können. Man denke nur an die verschiedenen Examina, die über manche Geb'sich hinauserstrecken, die einer speciellen praktischen Beschäftigung und demgemäßen natürlichen ödächtnißmäßigen Erlernung unzugänglich waren. Man erinnere sich auch des'Umstandes, daß/!Familienvater, wie mit mannichfachem andern Rathe, so auch mit Hülfsmitteln ausgerüstet!^muß, um seinen Kindern bestimmt gestellten Schulaufgaben gegenüber mnemonische Anleitunggeben zu können. Unter solchen Verhältnissen sind die einfachsten Handgriffe der Mnemotew"oft eine willkommene Gabe. Wir geben sie in Folgendem: . ,

Die schnelle Erlernung von Gedichten scheitert vorzugsweise daran, daß die einzelnen Ttrop"^wol auswendig gewußt werden, aber schwer untereinander in dauernde Verbindung g^^uwerden können. Hier gilt es zunächst, die aus einzelnen Versen bestehenden Strophen als ® , ltaufzufassen, den Kern des Inhalts herauszuziehen und nun aus diesem selbst eine neue Reibstbilden. Oft ist aber auch der Inhalt der einzelnen Strophen gegenwärtig, während die Aufn'^worte derselben nicht ins Bewußtsein kommen wollen. Hier muß dasselbe versucht werden, derzeit Jdaß eine Separatreihe einzelner Worte gebildet wird, die man sich vor Declamation des * ’gehörigen Gedichts nur zu vergegenwärtigen braucht, um dann die Ansänge der einzelnenvor sich zu haben. Ist das Gedicht zu lang, so müssen mehrere solcher Wortreihen gebildet w ctlEine Hauptbedingung aber bei aller Reihenbildung ist, daß dieselbe rückwärts und vorwärts eru ^werden muß, dergestalt, daß zuerst der erste und zweite, dann der erste, zweite und dritte Versbis zu Ende miteinander verbunden werden, daß aber auch dann umgekehrt der letzte mit demletzten und beide mit dem drittletzten Verse bis herauf zum ersten miteinander verschmolzenSollte dieses Mittel noch nicht hinreichen, so muß man sich die Mühe nehmen, laut vor si" , zjzusagen: Nach A kommt B, nach B kommt C u. s. w., oder: Vor Z kommt I), oder: Zw'l^^pund C steht B u. s. f. Selbstverständlich müssen auch die einzelnen Strophen des ganzenvor- und rückwärts hergesagt werden. Schwerer jedoch ist es, einzelne miteinander nicht inbindung stehende Sätze so im Gedächtnisse zu behalten, daß sie ebenfalls hintereinander Er-werben können. Hier muß der Kerngedanke des Satzes, die concreteste Vorstellung desselben