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8. Kapitel.
Auflagen mit grofser Genauigkeit verfafste Kanon erhöhten nochseine Brauchbarkeit. Es darf daher kein Wunder nehmen, dafs diesesWerk auf lange Zeit hinaus die Quelle für alle Schriften ähnlicherArt wurde und vielen Vorlesungen zur Grundlage diente, die damalsan deutschen Hochschulen gehalten wurden 1 ).
§ 10. Fortschritte der Trigonometrie in den Niederlanden.
Bei der Ausbildung trigonometrischen Wissens war noch immerdie Astronomie das treibende Element gewesen, und namentlich fanddas in der Schaffung der grofsen Tabellenwerke sich zeigende Be-streben, die Exaktheit der Rechnung zu erhöhen, seine Begründunghauptsächlich darin, dafs die Astronomen seit dem Auftreten Tycho’sund des Landgrafen Wilhelm ihre Beobachtungen mit gesteigerterSchärfe zu machen verstanden. Doch hatten sich in den letzten Jahr-zehnten namentlich auch die Methoden der Feldmessung soweit ver-feinert, dafs auch die Geodäten der trigonometrischen Tabellen undLehrbücher nicht mehr entbehren konnten. Diesem Umstande ver-dankt manche praktisch verwendbare Tafel der trigonometrischenLinien, manche Sammlung einschlägiger Lehrsätze ihre Entstehung.
Unter den Niederländern hatte der bekannte Ludolph vanCeulen in seinem berühmten Buche „Van den Cirkel“ 1596 „Tafelnvoor de Land-meters“ herausgegeben, die für den Radius 10 7 be-rechnet waren und die Zahlen für die Sinusse, Tangenten und Se-kanten 2 ) von Minute zu Minute ablesen liefsen. An sie schlossensich dann die wichtigsten geodätischen Aufgaben an, wie sie späterPitiscus in seinem Lehrbuche in noch gröfserer Vollständigkeitbrachte. Aber auch rein theoretische Fragen interessierten Ludolph:so gab er in seinen „Fundamenta arithmetica et geometrica“ Lugd.Bat. 1615 aufser algebraischen auch trigonometrische Lösungen geo-metrischer Aufgaben, ähnlich wie schon Regiomontan gethan hatte.
Wie Ludolph, so hat auch der namentlich in der Geschichteder Mechanik wohlbekannte Simon Stevin (1548 —1620) 3 ) Tabellenpubliziert und eine sehr handliche Abhandlung über Trigonometriegeschrieben, die auch von historischem Standpunkte Interesse ver-dient. Die „Wiskonstige Gedachtenissen“ 4 * * ), die 1608 erschienen
1) So findet sich z. B. in der Dresdener kgl. Bibliothek noch eine Vor-
lesung Jöstel’s mit dem Titel: Lectiones in trigonometriam (Bartholomaei)
Pitisci. Wittenbergae 1597. C. 2. — Vgl. auch ebenda C. 4. — 2) Die Tangenten
heifsen hier Tangentes oder Perpendikel, die Sekanten auch Snijder. — 3) Vgl.
über ihn Quetelet, Histoire de Science mathematique chez les Beiges. Bruxelles
1864. 144 —146. — 4) Da die niederländischen Originaldrucke von fast unauf-