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8. Kapitel.
jene Zeit verhältnismäfsig rasch über das ganze gelehrte Abendlandausbreitete. Dennoch gab es bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts nochimmer einzelne Mathematiker und Astronomen, welche aus verschie-denen Gründen der neuen Methode abhold, in jener älteren Richtungweiterarbeiteten, die wir in den vorhergehenden Paragraphen darzu-stellen versuchten. Es scheint uns daher am Platze, der zeitlichenAufeinanderfolge vorgreifend, ihre Leistungen als der älteren Periodeangehörig im Zusammenhänge mit dem Vorhergehenden, in dem sieihre Wurzeln haben, darzustellen, bevor wir die Entwickelung derlogarithmischen Trigonometrie einer Besprechung unterziehen.
§12. Ausbau der Trigonometrie im 17. Jahrhundert auf Grundder älteren Methoden.
Schon früher erwähnten wir die „Theoria lunae“ des HeidelbergerProfessors Jacob Christmann (1554 —1630), welche 1611 er-schienen war und uns bei Ermittelung des eigentlichen Erfinders derProsthaphäresis so vorzügliche Dienste erwies. In diesem Werkegab sein Verfasser aber nicht nur historische Notizen über jeneMethode, sondern auch eine vollständige Entwickelung derselben,sowie die wichtigsten Sätze aus der Dreieckslehre, deren er bedurfte.Diese hatte er übrigens schon in einer früheren Schrift vom Jahre1601 zusammengestellt, die den Titel „Observationum Solarium libritres“ führte, und in einer weiteren kleinen Schrift „Nodus Gordiusex doctrina sinuum explicatus“ von 1612 lehrte er, geometrische Auf-gaben, die man bisher algebraisch behandelt hatte, mit Verwendungder Sinusse lösen. Aufserdem ist aus jener Zeit, die der Erfindungder Logarithmen unmittelbar vorhergeht, noch eine treffliche 1 ) Zu-sammenstellung der damals bekannten Methoden, die „Synopsis trigo-nometriae", Dantisci 1612 von Peter Crüger zu nennen, dem wirspäter wieder begegnen werden. Weiter erschienen auch damals nochTafeln für die trigonometrischen Funktionen in nicht geringer Zahl.So hatte in Deutschland Mathias Bernegger (1582 —1640), Pro-fessor der Geschichte und der Beredsamkeit in Strafsburg, eine Sinus-tafel veröffentlicht, die 1619 wieder aufgelegt wurde; Johann Prae-torius 2 ) (Richter) (1537 —1616) verfafste ungefähr um dieselbe Zeit
1) Vgl. Wolf, H. A. I. 179. — 2) Ygl. die Einleitung Schwendter’s zuder 1628 in Nürnberg erschienenen Üebersetzung von Stevin’s Berechnung derSinustafeln. „Kurzer, doch gründlicher Bericht von Calculation der TabularumSinuum, Tangentium, Secantium.“ In dem schon mehrfach zitierten handschrift-lichen Codex 1. m. 24101 des Praetorius findet sich eine übersichtliche Zu-
sammenstellung aller damals bekannten Hilfsmittel zur Berechnung eines all-