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Selbständigkeit gewährt und welche in der wichtigsten An-gelegenheit des Lebens vollkommen frei über sich selbst ver-fügen können. Es dürfte wohl wenige Länder der gesittetenWelt geben, in welchen das Individuum so viel Freiheitgenießt/ auf dasselbe so viel Rücksicht genommen wird undwo persönliche Unabhängigkeit und Selbstständigkeit eine sohohe Geltung hat/ als dieß in Großbritannien der Fall ist.Das Gesagte findet seine Anwendung nicht etwa blos aufdie politischen Verhältnisse, sondern auch und dieß ganz be-sonders auf die persönliche Stellung in der Familie. EinHauptzweck der britischen Erziehung geht dahin/ in Jedemdas Gefühl eigener Würde und die Liebe zur Unabhängig-keit möglichst stark zu entwickeln und selbstftändige Menschenzu bilden. Die Däter und Mütter behandeln die Kindernicht als Wesen, nur dazu da: dem elterliche» Willenblindlings zu gehorchen, ihren Wünschen unbedingt zu fol-gen, ihre Pläne rücksichtslos auf eigene Neigung auszuführen.Der Vater sieht in seinem Knaben schon den Mann, zumeinstigen Genusse der Unabhängigkeit bestimmt und die Mutterin ihrem Mädchen die künftige Frau, ebenfalls zum freienGebrauch ihres Willens geboren. Aus dieser hohen Werthungder Persönlichkeit entspringen nun alle die zarten Rücksich-ten, alle die feinen Aufmerksamkeiten und das würdevolleBenehmen, welche die Mitglieder einer Familie gegen ein-ander beobachten und welche dem häuslichen Leben in Eng,land einen so eigenthümlichen Zauber verleihen. Und ebenin dem bezeichneten Umstände liegt eö auch begründet, daßdie Eltern in diesem Lande so rücksichtsvoll und zart bei denHeirathen ihrer Kinder sich zeigen, individueller Neigungeinen so großen Spielraum gestatten und in die persönlichste