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von der Verfassung eingeräumten Befugnisse zu überschreiten,dann stellt sich eben dieser Adel auf die Seite des Volkesund hilft dessen Rechte schuhen und wahren.
Auch den letzten Theil dieses Beispieles dürften in ihremeigenen Interesse unsere deutschen Edlen nachahmen. Ichmeine nicht Diejenigen, welche von Fürstenbrod lebenmüssen und keine andere als dienstbare Rolle spielen können;sondern denjenigen Theil des Adels, der durch Besitz nochunabhängig ist und auf eigenen Füßen ruht. Leider scheintaber derselbe unter der Herrschaft des bedauerlichen Irr-thumes zu stehen, daß die Freiheiten deö Volkes mit seineneigenen Interessen unverträglich seien und er nichts Bessereszu thun vermöge, als von jenem eben so weit sich zu ent-fernen, als eng an die Throne sich anzuschließen. Indemer so handelt, fürchte ich, begibt er sich seines schönen Vor-rechtes: als Vermittler zwischen Volk und Fürst zu stehen;verliert er die edle Unabhängigkeit, die ihn so sehr ziertund deren Behauptung seinen größten Ruhm ausmachensollte; setzt er sich dem Vorwurf unfreier Gesinnung unddem Verdachte niedrigen Eigennutzes auS; büßt er die Ach-tung und Liebe des Volkes ein, die für ihn wenigstens ebenso viel Werth haben sollte, als königliche Gunst und Gnade.
Der Adel mag und soll in Zeiten der Gefahr ein Voll-werk um den Thron bilden, diesen gegen ungerechte Angriffeschützen, von welcher Seite sie auch kommen mögen; glaubtjener aber, seine einzige Aufgabe bestehe darin, daß ermonarchische Interessen vertheidige, einzig nur die Sacheder Kronen verfechte, dann beneiden wir ihn eben so wenigum seine Stellung, als daß wir groß dächten von seinerVaterlandsliebe, von seinen Grundsätzen, von seiner Staats-
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