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II. Teil: Wissenschaftliche Vorträge.
werden, als sei der von vornherein für die Praxis verloren, der wissen-schaftliche Ideale hegt. Dafs, nebenbei gesagt, die technischen Hoch-schulen selbst gesonnen sind, diese Minderheit zu den Höhen derWissenschaft hinaufzuführen, ist von selbst klar; die vielleicht mifs-verständliche Auffassung, als seien die Universitäten gewillt, ihnenhierin Konkurrenz zu machen, mufste eine Opposition hervorrufen.
Die bisherige Darlegung erschöpft auch für unsere Skizze dieBeziehungen der Technik zur Mathematik noch nicht. So wenig derHandelsbeflissene die Abstraktion eines nur dem Gesetze von Anfrageund Nachgebot gehorchenden, mit allen Sinnen nur auf den Erwerbgerichteten, organischen Schemens im Sinne der Nationalökonomie ist,ebenso wenig geht der Techniker in der Betrachtung seiner Mefslattenoder Riemscheiben und Stehlager auf. Auch wir fühlen uns alsGlieder des Teiles unserer menschlichen Gemeinschaft, welcher einBildungsideal besitzt. — Die Frage, wohin die Entwickelung geht,welche Stellung der einzelne als ethisches Wesen einzunehmen hat,welches die letzten Gründe unseres Handelns sein müssen, bewegt unsebenso tief, wie andere gebildete Stände. Im Ringen nach einer moti-vierten Weltanschauung werden aber für uns die Aufschlüsse derexakten Wissenschaften vor allem mafsgebend sein, denn mehr alsandere kommen wir in die Lage, unser Leben im Glauben an dieKonstanz der Naturgesetze aufs Spiel zu setzen, die Sicherheit des-selben einer mathematischen Relation, die unserer Konstruktion zugründe lag, anzuvertrauen. Nur vom Boden der exakten Wissen-schaften her, für welche wieder die Mathematik der Lebensnerv ist,entspringt für uns eine einwandfreie Erkenntnis; sie sind nach meinerAuffassung berufen, das letzte Wort in allen Fragen nach dem Wesender Dinge zu sprechen. Dals auch hier voreilige Verallgemeinerungenauftreten können, die uns verwirren und deprimieren, mufs zugegebenwerden. Die Welt nach dem Bilde Dubois-Reymond’s, aufgelöstin ein Wirrsal reinen Centralkräften unterworfener Atome und Mole-küle, deren Bewegungsgleichungen auch schon durch einen überlegenenGeist integriert gedacht werden können, ist eine trostlos öde Grund-lage für eine ethische Weltanschauung. Allein wir lesen in der Thermo-dynamik des Herrn Poincaré, dafs diese Annahme unzulässig sei.Er weist nach, dafs schon die Erklärung des Satzes von Clausius auf mechanischem Wege nicht stichhaltig ist. — Hinter dem einfachenAtom, der einfachen Centralkraft ist also noch etwas anderes, vielleichtein anderes Prinzip, vielleicht eine endlose Mannigfaltigkeit zu ver-muten. Wenn sich dies bewahrheitet, dann wäre der unwissen-schaftliche Materialismus überwunden. Und die Hoflhung hierzu