Briefe an Bonstetten.
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daraus brauchbar ist: denn die ganze Historieweiß niemand, als Gott; und selbst die Schriften,welche man darüber hat, sind an Zahl so unend-lich, daß man ohne einen solchen vorgestecktenPlan sich darin verliert. Dein Karl studirt inZeiten einer allgemeinen Erschütterung, derenDauer und Folgen gleich ungewiß sind; in keinemFall ist mir denkbar, daß ihre Oscillationen plötz-lich sich sistiren sollten; gelingt es den Vertheidi-gern der bisherigen Ordnung der Gesellschaft, sovergeht immer noch ein Menschenalter in Wieder-befestigung und in Vervollkommnung derselben;wäre hingegen im Rath der Götter ihre Umkeh-rung beschlossen, so laßt auch alsdann die Millio-ncnzahl vernünftiger und ruhiger Menschen, undaller derer, welche gegen die Anarchie interessirtsind, lange Stürme voraussehen. In dem einen,wie in dem andern Fall werden politische Ideenfür den nächsten Zeitraum eben so wichtig seyn,wie es nach Luther polemische, nach dem Schwe-denkrieg militärische, und seit Colbcrt und LawFinanzspeculatrvnen gewesen sind.
Diese politischen Discussionen fordern eine ge-naue Kenntniß der Staaten, wie sie sind, undzwar nicht nur ihrer Organisation, sondern auchhauptsächlich des ihre Marimcn belebenden Gei-stes. Letzterer läßt sich durch zwei Hülfsmittel amleichtesten erkennen: i) durch die Erfahrung dervorigen Zeiten, und zwar nicht eben der nächst-verfloffenen, sondern solcher, wo dieses oder jenesVolk auf einer ähnlichen Stufe von Cultur undVerderbniß, wie die heutigen, war; 2) durch eingenaues Studium des Menschen, was in ihm ist,wozu er fähig, wozu er zu leiten ist. Auch hiezuist der alltägliche Umgang mit Bcobachtungsgeistzwar nicht unnütz, aber da wir selten in dem Fall