Briefe an Bonstetten.
227
4S.
Wien, 9 Mai 180 5.
Das dreißigste Jahr ist heute verflossen, lie-ber alter Freund, seit wir zuSchinznach uns antra-fen; sieben verflossen von dem an in der Jugend-freundschaft, welche aus unsern Briefen Deutsch-land und Nord lieben gelernt, fünf abwechselndin Entfernung und Wiedervereinigung; so wie injener Periode die Materialien vaterländischer Ge-schichte gesammelt, so wurden sie, eben auch aufdeinen Betrieb, in dieser so weit verarbeitet, alsdas Publicum sie kennt, und erhielt auch dieSkizze allgemeiner Geschichtsdarstellung ihr Wesen;seit dem, in Mainz sieben — arbeit - und mit-unter glanzvolle — hier eilf thatlosere, unfrucht-bare Jahre; und in diesen zwei Perioden wenigFrenndschaftsgenuß, als durch die Erinnerung.Wie nach den zu Jahren der Freund dasteht!Sehr unterrichtet, sowohl durch beharrliche Stu-dien, als durch mannichfaltige Erfahrung, seinHerz warm wie ehemals; sein Wunsch, wohlthä-tig und nützlich zu seyn, brennender, je gehemm-ter er ist. Also, welche Freude, als er an Graf-93... einen für die Freundschaft ganz wie erempfindenden Mann von großer Seelenkraft undEntschlossenheit, und reich genug für Gründungdes schönsten Lcbensglücks zu finden glaubte, undnun der fruchtbarsten Muße im Schoße der Wis-senschaften und Freundschaft bei dir am Genfer-see , oder in unserm geliebten Rom entgegensah!Dieses, edler Freund meiner Jugend, hat sichanders entwickelt. Ein Jüngling, voll Talenteund ohne Vermögen, dem ich seit acht JahrenWohlthäter gewesen, hat bei eilf Monaten diewärmste, innigste, reichhaltigste Correspondenz