Buch 
Von der Erfahrung in der Arzneykunst / von Dr. Joh. Georg Ritter v. Zimmermann
Entstehung
Seite
45
JPEG-Download
 

den Weisen; der Umgang mit der Welt, beynahe der Umgangmit den Narren.

Das geschwinde und richtige Gefühl von dem, was in je-dem Gegestande gut oder fehlerhaft ist, fließt ebenfalls ausdem öftern Umgang mit Personen, die dieses Gefühl haben:wir lernen durch das Lesen der besten Schriftsteller den Ge-schmack. Ein Mann von Geschmack weiß alles in seinemKopfe zu ordnen, er findet jeder Materie ihr Maß und jederSache ihr Wort; er unterscheidet sich am meisten durch dieDeutlichkeit und kräftige Fassung seiner Gedanken.

Gleichwie unter allen elenden Scribenten die Praktiker dieelendesten find, so waren hingegen die größten Aerzte immerauch die besten Schriftsteller unter den Aerzten. Hippokrateswar, nach dem Urtheil des CelsuS, nicht nur in der Arzeney-kunst, sondern auch in der Beredsamkeit groß; obwohl er alsein Meister für Meister, kurz und fein, aber zierlich undnur für Verständige verständlich geschrieben. Friend sagt,die alten Aerzte seyen nicht nur in ihrer Kunst vortrefflich,sondern, durch alle Arten der menschlichen Kenntniß erleuch-tet, im Schreiben so groß als im Denken gewesen; keinGriechischer Arzt habe, von Hippokrates bis auf Paulus,schlechter geschrieben, als die besten Köpfe seiner Zeiten,und zuweilen seyen die Aerzte sogar die besten Schriftstellerihrer Nation gewesen. Fernel, Sydenham, Friend, Me--b,und vorzüglich Doerhaave, schrieben so schön, als s-c sachten,und heilten so gut, als sie schrieben. A--con Cocchi hatdurch seine Toscanische Vorlesungen erwiesen, wie viel Antheiljeder Leser an den Werken eines Arztes nehmen muß, dermit einer gesunden und über alle Vorurtheile der Secten er-habenen Philosophie, die Literatur, den Geschmack und dieZierlichkeit der Schreibart verbindet, der selbst seinen medici-nischen Werken einen moralischen Schwung gibt, und immermehr sagt, als er zu sagen scheint.

Die Gelehrsamkeit macht durch die Verbannung alles Müs-sigganges und aller Trägheit den gelehrten Arzt zu Geschäf-ten immer mehr geschickt. Sie entreißt ihn des Irrthums