Buch 
Von der Erfahrung in der Arzneykunst / von Dr. Joh. Georg Ritter v. Zimmermann
Entstehung
Seite
68
JPEG-Download
 

68

stände liegt, ist freylich: ihn stückweise zu untersuchen, undseine Theile so lange zu zergliedern, bis der gan^e Gegenstandso einfach wird, daß man ihn weiter nicht zergliedern kann. Aberauch diese Zergliederung hat ihre Grenzen. Ein allzu feinesGefühl führt zu Beobachtungen, die, wie die Spinnengewebe feinund unnütz sind. Diese außerordentliche Empfindlichkeit stürztaus dem Reiche der Sachen in daS Reich der Wörter. Werim Beobachten allzuspitzfindig seyn will, sieht freylich Sachen,die Andere nicht sehen; aber indem er diese Sachen weiter zerlegt,und jeden zerlegten Theil in tausend andere auflöst, fällt er vondem, was ist, aus das was nicht ist. Seine Blicke dringentiefer, als die Sachen selbst sind, auf die er sieht. Nichtsist darum der Gestaltung klarer und deutlicher Begriffe so hin-derlich, als diese Spitzfindigkeit, welche zwar immer die Ein-bildung rührt, und nie den Verstand. Wer Dinge sehen will,die sind , muß sie mit Dingen vergleichen, die auch sind. Wermit einem Wolmar die allerkleinsten Schattirungen der Leiden-schaften in dem Herzen der Menschen sehen will, muß erstzeigen, daß es dergleichen Schattirungen gibt. Wer nichtvorzüglich bemüht ist, das Wahre in den Sachen von demje-nigen abzusondern, was die Einbildung hinzuthut, wird frey-lich in denselben eben so feine Unterscheidungen machen, alsHudibras und Ralphs über das inwendige Licht der Purita-ner, oder als der Araber Alkindus, der die Kräfte der Arze-neyen nach den Regeln der Arithmetik und der Musik bestim-men wollte. Aber er wird auch in dem Samen eines Flohessogar das Geschlecht der Samenthierchen sehen wollen, da dochkein Sterblicher jemals die unendlich größern Erfasse des Sa-mens eines Flohes sah; und da selbst die Samenthierchen in demMenschen so klein sind, daß viele taufende auf einer NadelspitzePlatz haben, und fünfzigtausend zusammen nicht größer sind,als ein Sonnenstäubchen.

Neben der vorausgesetzten natürlichen Empfindungskraft thutbey dem Deobachtungsgeiste die zur Gewohnheit gewordeneAufmerksamkeit das meiste. Sie ist ein Glas, das, von einemTheile auf den andern getragen, jedem eine vorzügliche Deut-