lichtest gibt. Je mehr man sich in dieser Aufmerksamkeitgeübt hat, desto besser wird man alles unterscheiden, was ineiner Sache ist. Ein Kräuterkenner sieht in einer Pflanzemehr als alle andere Menschen, so wie ein guter Moralist inallen Umstanden des bürgerlichen Lebens mehr sieht, als alleandere Menschen. Beyde bestimmen die Charaktere der Kräu-ter und der Menschen durch die genaueste Aufmerksamkeit aufihre kleinsten Unterscheidungszeichen. Durch die Aufmerksam-keit des Moralisten werden die dem Anschein nach unähnlich-sten Handlungen ähnlich gefunden; so wie Pflanzen, die ein-ander sehr unähnlich scheinen, allerdings in die gleiche natür-liche Classe gehören, wenn sie der Kräuterkenner mit botani-schen Augen ansieht. Nichts bestimmt den Unterschied zwischendem unstäten Auge eines Neugierigen und dem starren Blickeeines prüfenden Beobachters so sehr, als die Aufmerksamkeit.
Sie wird durch die Vortheile vermehrt, die man im Beob-achten findet. Dieser staunende Anblick, der während derVorstellung unsere ganze Seele einnimmt, muß durch das un-sichtbare Feuer einer verdeckten Leidenschaft unterhalten seyn.Die unwiderstehliche Sehnsucht nach seiner Vervollkommung,die Liebe zur Wahrheit und zum einzigen Guten, ist diebeseelende Leidenschaft, durch die allein der Mensch zu derVervollkommnung gelangt. Wer diesen Vortheil allein sucht,ist in seiner Aufmerksamkeit ungemein gestärkt. Unverdrossenmerkt er auf alles, was ihn umgibt; er ist voll Gefühl füralles, was er seiner Aufmerksamkeit würdigt glaubt; feurigin der Empfindung und in der Anordnung kalt; die Liebe zurWahrheit ist die einzige unparteyische Leidenschaft. Wer daSunselige Schicksal hat, unter vielen schlechten Köpfen zu le-ben, gewöhnt sich zwar an die Empfindung des Schlechtenso wohl, daß er es überall sieht, wo es ist; aber eben dieseLiebe zur Wahrheit macht, daß er auch das Gute steht, woes niemand vermuthet. Die Weiber sehen sehr viele Dinge,die wir nicht sehen, weil sie einen weit größer» Vortheil ha-ben, sie zu sehen; seine Beobachtungen sind darum nur in-sofern die Wissenschaft der Weiber, als ihnen unendlich an