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Von der Erfahrung in der Arzneykunst / von Dr. Joh. Georg Ritter v. Zimmermann
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Der Eine sieht in einem Stücke gar nichts, weil er wederfür das Poetisch-, noch für das Malerisch-Schöne das geringsteGefühl hat. Ein Anderer sieht alles falsch, und noch ein An-derer hält sich an Nebenumstände, die zu dem Ganzen nichtdienen. Kein Sterblicher ist fähig, diese Leute zu belehren,wenn sie die Natur nicht belehrt hat. Auch sagte Nicoma-chus zu demjenigen, der in einem Gemälde des ApelleS nichtsBewunderungswürdiges fand: Nimm meine Augen, und steh.

ES ist etwas vor den Zügen des Pinsels, vor den Verhält-nissen der Theile, vor der Werfung von Schatten und Licht,und der Harmonie deS ColoritS, etwas überhaupt vor dermechanischen Geschicklichkeit Hergehendes, etwas die moralischeund poetische Wahrheit Betreffendes, in jedem Handlungender Menschen vorstellenden Stücke, welches man ohne das ge-fühlvolle Auge der Seele nicht sieht. Wer die Betrachtun-gen des unsterblichen Grafen von ShafteSbury üöer ein hi-storisches Gemälde von dem Urtheil des Herkules gelesen hat,wird mit innerer Kraft empfinden, daß ein wahrer Hi-storienmahler in dieser innerlichen Bildung unendlich groß seyn,und eben die Wissenschaft, eben dasselbe Nachdenken, ebendenselben Zweck haben muß, als ein wahrer Dichter.

Geistlose Köpfe sehen diese innerliche Bildung nie, darumkleben sie an der Mechanik der Gemälde. Darum flatternsie so nüchtern über die Meisterstücke der Kunst hin, undsehen in den Werken eines dichtenden Künstlers mehr auf denMangel der sorgfältigen Ausführung und des scheinbaren Flei-ßes, als auf ihre Wirkung. Darum gaffen sie, für daswahrhaft Große der Ideen blind, in die erhabensten Vor-stellungen des sichtbaren Schönen unbewegt, ungerührt, uner-schüttert. Darum sagte Hogarth, der sehr wohl weiß, wieoft sich die sogenannten Liebhaber an kindischen Kleinigkeitenbey der Betrachtung eines guten Stückes halten: von Gemäl-den seyen alle Menschen gehörige Richter, ausgenommen dieKenner.

Vielleicht ist eS so schwer ein Gemälde oder eine Bildsäulein allen Theilen wohl zu beurtheilen, als eS dem Griechen