Buch 
Von der Erfahrung in der Arzneykunst / von Dr. Joh. Georg Ritter v. Zimmermann
Entstehung
Seite
75
JPEG-Download
 

75

>

i

x

wird darum von dummen Lehrern verabsäumt, weil sie dieWege seines Geistes nicht kennen; so mancher aufgeklärteKopf lebt im Staube, weil niemand begreift, daß er nichtgemacht ist im Staube zu leben. Ohne den Beobachtungs-geist und selbst ohne Genie kennt niemand die Merkmale desGenies. Ein Eugen ist an Ludwigs Hofe ein verachteterKnabe; ein Kleinjogg ziert unbemerkt die Menschheit, bisihn ein Hirzel sieht, kennt und verewigt.

Andere sehen alles falsch. Man nimmt oft in Kindernalle Brandmale der Dummheit für untrügliche Zeichen derkünftigen Größe ihres Geistes; oft die Fertigkeit im Verleum-den für Genie, Gernwitzlinge für schöne Geister, Tartuffenfür Muster der Gottseligkeit, eine Rohrdommel für ein lie-benswürdiges Weib. Aufgeklärte, aber kaltblütige und ineiner Art von Dienstbarkeit auferzogene Köpfe halten die Merk-male des feurigen Triebes zum Edeln, zum Schönen, zumGroßen und Wahren, und des mit diesem Triebe verbundenenGeistes der Unabhängigkeit, und der Verachtung niederträch-tiger Considerationen, für Merkmale der Unbesonnenheit; Dumm-köpfe nehmen sie für Beweise der Narrheit. Jeder urtheiltanders als der andre, weil jeder anders sieht als der andre.Pythagoras, sagte ein alter Philosoph, sieht die Sonne mitandern Augen an als AnapagoraS, jener als einen Gott,dieser als einen Stein.

Andere sehen alles halb. Sie bemerken etwas, und dochnicht genug; sie halten sich an einzelne Theile und verfehlendas Ganze; oder sie sehen nur was gerade in die Augen fällt,und verfehlen das, was tiefer liegt. Die Madonna des Ra-phael wäre für sie ein anmuthiges Gesicht, Montesquieu einwitziger Kopf, Haller ein geschickter Zecgliederer und ein sehrgroßer Kräuterkenner.

Der höchste Grad des Beobachtungsgeistes in moralischenDingen scheint eben so bewunderungswürdig, als der höchsteGrad des Beobachtungsgeistcs in den Künsten. Die Fertig-keit in der Beobachtuug der Menschen soll bey SocrateSso erstaunend groß gewesen seyn, daß sich auch bey den bedenk-