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> gelehrtheit nach dem Maße ihres Eigennutzes, ihrer Unver-; schämtheit und ihrer Dummheit begünstigt. In der Barbarey^ der mittlern Zeiten, da die meisten Aerzte Geistliche waren,
und unter dem Vorwand der Keuschheit die Kranken bey Tage
> nicht besuchen durften, wurden sie in den Kirchen von denKranken besucht, oder wenigstens begehrten sie von den Kran-ken ihren Harn. Eine dumme Uebung scheint dem Pöbel alle-
! mal heilig, wenn sie alt ist.
Dieser Aberglaube findet indeß in unsern Tagen fast nur beyden eingeschränktesten Köpfen Beyfall. Nur unter solchen Kö-pfen nimmt die wenige Aufmerksamkeit auf den Harn, wenneine Krankheit aus allen übrigen Zeichen schon bekannt ist,einem Arzte urplötzlich seine» Ruf. Sehr aufgeklärte Köpfesind selten mit dem Harnglauben befleckt; doch erinnere ichmich einer Dame, die man bey uns wegen ihrer ausnehmen-den Fähigkeit den Werth der Aerzte zu bestimmen, über dieSternen erhob, und die gleichwohl harngläubig war. Siesandte in ihren mit Millionen Namen getauften Melancholiendie von einem entfernten und von ihr sehr werthgeschiitzteu Prak-tiker empfangenen Arzeneyen mit ihrem Harne, einem ebenfallsentfernten und sehr werthgeschätzten Henker, damit er aus demHarne urtheile, ob die Mittel gut seyen.
Daniel le Clerc meint, die Ueberzeugung, daß der Pöbelwill betrogen seyn, bewege zuweilen die Aerzte, ihn zu betrü-gen. Auch sagt dieser große und einsichtsvolle Arzt, daß die-jenigen Aerzte, welche sich fähig glauben, vernünftigen Kran-ken zu gefallen, und die darum aus dem Harne nicht weissa-gen wollen, am wenigsten von dem Pöbel gebraucht, oder ge-schwind verlassen werden. Und für wen verläßt er sie? Fürelende Kerls, die oft weder schreiben noch lesen können, unddie man in der Ferne aufsucht, damit sie auf den Anblick ei-nes Harnglases die ganze Geschichte einer Krankheit erzählen,die sie doch bey dem Bette des Kranken nicht kennen würden.Le Clerc setzt hinzu, es widerfahre sogar auf eine ihm unbe-greifliche Weise, daß Leute, denen es sonst an Scharfsinnoder doch an grober gesunder Vernunft nicht mangelt, und