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Von der Erfahrung in der Arzneykunst / von Dr. Joh. Georg Ritter v. Zimmermann
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oder selbst eine Beweisrede zu fuhren, die allemal eine Zusam-menfassung vieler einzelner Urtheile ist, und mehr Nachdenkenerfordert, als ein einfaches Urtheil; oder er urtheilt auch falsch,weil er falsch urtheilen will. Herr von Haller sagt vor-trefflich, in einfachen Begriffen, die nichts sich selbst Unglei-ches enthalten, urtheile man nicht falsch, niemand vermengedie himmelblaue Farbe mit der rothen; aber man fehle in zu-sammengesetzten Begriffen, deren Wesen in der Verbindung vie-ler sich selbst ungleicher Theile liegt. Man will sich nicht alleeinfachen Theile zweyer zusammengesetzten Begriffe merken, eheman urtheilt, weil vor einer solchen Geduld dem Hochmuthund der Trägheit ekelt. Man irrt aus Hochmuth, wenn manentscheiden und andere lehren will, was man selbst nicht gelernthat. Man irrt aus Trägheit, wenn man, sobald als ein ein-ziger Theil eines zusammengesetzten Begriffes mit einem einzi-gen Theile des andern übereinkommt, schließt, alle kommenubccein, da doch die übrigen alle einander zuwider sind. Herrvon Haller hat auch gezeigt, wie der Wille sehr viel dazubeyträgt, daß die Menschen betrogen werden. Wir habenzwey Begriffe aus Liebe und aus Haß mit einander vergesell-schaftet, wir verbinden sie, obschon sie himmelweit verschiedensind, und beurtheilen die vorgelegten Begriffe nicht durch sichselbst, sondern durch die Begriffe, die wir mit denselben ver-gesellschaften , und die nicht Theile des Begriffes, den wir be-urtl eilen sollen, sondern demselben ganz fremd und außerwesent-lich sind. Ein Arzt, den man liebt, hat eben das gethan,was ein Arzt, den man haßt; fener wird entschuldigt, und die-ser verdammt.

Eben so sehr sind wir betrogen, wenn wir vor dem Aus-spruch unsers Urtheils wünschen, daß ein gewisser Begriff miteinem andern immer übereinstimme, oder demselben widerstrebe.Der Pöbel wünscht, daß ein gelehrter Arzt immer unglücklichund niemals glücklich sey. Ist ein Kranker unter den Händeneiner gelehrten Arztes, so schreyt der Pöbel, es gehe allesschlimm, denn er sey unter den Händen des gelehrten Arztes.So oft ein Arzt, der ein Günstling des Pöbels ist, einen