465
zimmer sich nicht so sehr entsetzen würde, die Liebe zugestehen,auch damit nicht so heimlich thäte, wenn sie nicht etwas derSchamhaftigkeit Entgegengesetztes in sich hätte. Aber eben darumwird die Liebe eine Leidenschaft, weil die Seele allzuviel An-theil daran nimmt, und weil man sich nicht begnügt, diesenAppetit schlechtweg zu stillen, sondern vielmehr sein Verlangenauf eine einzige Person, entweder mit Ausschließung aller an-dern, oder wenigstens mit einem vorzüglichen Grade von Hef-tigkeit festsetzt; denn dieß ist das Sittliche der Liebe. Die Al-ten haben darum sehr wohl gesagt: Jupiter sey vernünftig,wenn er nicht liebe; aber selbst Jupiter könne nicht zugleichlieben und vernünftig seyn.
Von der Liebe hat unter allen Leidenschaften, wie ich oftgesehen, der Arzt am meisten zu hoffen, wenn sie befriedigtwird, und am meisten zu fürchten, wenn sie den geringstenWiderspruch leidet. Auf eine betrogene Liebe folgt überhauptbey Weibern die Verhaltung der Zeiten. Eine SchweizerischeDame verlor sie daher für vierzehn Monate, und setzt hat siedieselben niemals ohne große Beschwerden. Zwey Schweize-rische Damen verfielen durch eine betrogene Liebe in die schonvon Hippokrates nach der plötzlichen Zurückhaltung der Zeitenwahrgenommene Schwindsucht, zu welcher sich aber in diesem be-sondern Falle allemal eine scheue Traurigkeit, ein allgemeines Miß-trauen und eine gänzliche Misanthropie gesellt, die doch imAeußerlichen nur bloß den Charakter der Langenweile und derNiedergeschlagenheit hat. Dieser in der Schweiz nicht selteneZustand des Körpers und der Seele ist die langsame und un-heilbare Auszehrung, welche die Engländer das Herzbrechennennen, und die in der Geschichte der Clarissa vortrefflich be-schrieben ist.
Eine betrogene oder verunglückte Liebe zeugt auch noch an-dere Uebel. Tulpius hat einen jungen Engländer durch denunerwarteten Abschlag einer sehr gewünschten Heirath plötzlichin eine Starrsucht verfallen gesehen. Steif, wie Holz, saßer einen ganzen Tag auf einem Stuhle in der gleichen Stellungund mit offenen Augen; alles war an ihm so unbeweglich, daßZimmermanns Erfahrungen. 2a