Buch 
Lebensbeschreibung des Ehrenfr. Walther v. Tschirnhaus auf Kiesslingswalde und Würdigung seiner Verdienste : mit einem Vorwort über Prof. J.A. Grunert als Preisrichter / von Dr. Hermann Weissenborn
Entstehung
Seite
26
JPEG-Download
 

26

§ 4. Seine Logik.

hat also hierin ein sicheres criterium, ob eine Kenntniss, welche wirerlangt haben, auf dem iutellectus oder der imaginatio beruht. Hiermitwürde der Gegenstand, welcher in der Sectio prima abgehandelt wer-den sollte, erledigt sein, wenn nicht die Wichtigkeit der aufgestelltcnKegel es riithlich erscheinen liesse, sogleich auch etwaigen Einwürfengegen die ltichtigkcit derselben zu begegnen. Deren könnten näm-lich nach Tschirnhaus vier gemacht werden.

Der erste ist der: Wenn auch der aufgestellte Satz richtig ist,so ist er doch ohne Nutzen in Rücksicht auf die Erforschung derWahrheit. Hierauf erwiedert Tschirnhaus: 1) Auch die Skeptikermüssen zugeben, dass uns Einiges immer unter derselben, Anderesdagegen bald unter dieser, bald unter jener Gestalt sich darstollc,dass es also lirmae & constantes experientiae und infirmae seu vagacgebe. Dies sei aber derselbe Unterschied, den er zwischen den durchden iutellectus und den durch die imaginatio erkannten Dingen auf-gestellt habe. 2) Es kommt nicht darauf an, ob die Wahrheit inmeiner Erkenntniss mit den Dingen ausser mir übereinstimmt (obdieveritas in conceptu meo eadem sit cum rebus extra me existenti-bus). Denn a) die Untersuchung, ob dies sei oder nicht, gehört ineine spätere Diseussion über dienatura intellectus. In dieser werdeer zeigen, dass in der That dieveritas in conceptu meo mit den.Dingen ausser mir übereinstimme; im Falle aber sich dies nicht SOverhielte, würde das unter 1) Gesagte in Kraft treten. Sodann,b) ist diese Untersuchung gar nicht, wenigstens hier noch nicht,nöthig, indem es hier nur darauf ankommt, einzusehen, dass wirEiniges gut, Anderes gar nicht concipiren können. Tiefer einzugehenist an dieser Stelle nicht erforderlich, denn, wer z. B. die innereStructur der Hand nicht kennt, wird dieselbe doch ebenso anwendenund gebrauchen, wie der, welcher die genaueste Kenntniss ihrerAnatomie besitzt.

Der zweite Einwand dagegen, die aufgestcllte Kegel sei in derThat das Fundament der Lehre von der Erkennung der Wahrheit,ist der, dass es dann sehr wunderbar wäre, dass dieselbe bisher nochvon keinem Philosophen aufgefunden und ausgesprochen sei. Nach-dem Tschirnhaus dieses leicht zu beseitigende Bedenken gehoben,wendet er sich zu

dem dritten Einwurf. Dieser lautet: es gebe manche, theilsnatürliche, theils übernatürliche Dinge betreffende Kenntnisse, dienicht concipirt werden könnten, und doch nicht falsch, sondern wahrsein. Dahin zu rechnen sei z. B. die Meinung, dass die Anzahl der

ultimo observavero , me potestatem habere cum alio t quem planö mea latelcognitio, aut quem saltem eam latere pono , quaedam communicandi , quaedamvero cum eoflcm me communicare non posse , ita ut ei aeque ac mihi inno~tescant; hihe cerio concludo, me tanthm hnjua rei partem cognoncere, eamnimirum , quam cum alio poteram communicare , reliquam vero f qitam nonpoteram, solum imaginari.

) Medio. Ment. pag. 42, 43.