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$. 4. Seine Logik.
Nachdem Tschirnhaus seine Lehre so zu Ende geführt, verbreiteter sich noch über seine Stellung zu anderen Philosophen. Diesehaben alle Erkenntniss entweder völlig a priori durch reine Ver-nunftschlüsse, oder völlig a posteriori aus der Erfahrung abgeleitet.Er glaubt einen Mittelweg eingeschlagen zu haben. Seiner Meinungnach muss man nämlich mit den a posteriori geschöpften Kennt-nissen beginnen, dann aber das Folgende a priori ableiten, und woes geht durch die Erfahrung erhärten, bis man, einen Kreis durch-laufend , zu den erst erwähnten Erfahrungen zurückkommt. Daaber Erfahrungen und Experimente theils nicht überall gemachtwerden können, theils auch trügerisch sind, so ist mit der einfach-sten, unumstösslichsten anzufangen, dass ich manches weiss, dassmir manches bekannt ist, dass ich mir mancher Kenntnisse bewusstbin. Aehnlich, wie Cartesius den Satz aufgestellt hatte: Cogito,ergo sum (ens cogitans), so sagt auch Tschirnhaus: „Sed hic maximenotandum est, me interim neque afürmare neque negare, quöd hocmeum scire, hoc notum, hoc conscium esse, seu, utD. des Cartesvocat, hoc cogitare res certissima a priori sit; de his enim & simili-bus nihil jam determino: sed hoc tantum, ut dixi, pro certo statuo:quöd hoc meum scire, hoc notum, hoc conscium esse,vel, si mavis, hoc’cogitare, primum sit in nobis, quodomnes nostras cogitationes praoeedit, & cujus in nobisipsis existentiam (non dico naturam: haec enim diversissimasunt) experientia evidentissimä cognoscimus; adeö utunusquisque, cum dicit: ego aliquid facio, nihil aliud per hoc egosignificet, quam id, cujus ope fit, vel notum sibi est, vel conscius inse ipso est, se aliquid facere, vel si ita placet, quöd cogitet, sealiquid facere. Et ciun talia nulli attribuat corpori (quis enim scire,notitiam habere, conscientiam habere, cogitare ulli attribuit corpori?)certum est, illum mentem solam per hoc ego denotare, ore licetsemper quasi contrarium statuat, & hoc ego soli corpori appropriet.Vides igitur, quid per Mentem, quidve per Conscientiamintelligi velim”. Da also die mens der wichtigste Theil von unsist, so müssen wir für ihr 'Wohlergehen sorgen. Dies führt zur„experientia sccunda”, nämlich zu der Wahrnehmung, dass gewisseDinge uns gut, andere übel berühren („nimirum quöd nosquaedam bene, quaedam male afficiant”)- Nichts aberberührt uns angenehmer („melius afficit”), als die Erlangung derWahrheit. Eies führt zur „experientia tertia”, nämlich, dass wireiniges concipiren können, anderes nicht. Das, wodurch wir etwasconcipiren, ist der intellcotus. Bei Erforschung der Ursache, warumwir manches nicht concipiren können, gelangen wir zur „experientiaquarta”, dass uns einiges gleichsam von aussen, nämlich durch dieSinne, Phantasiegebilde und Leidenschaften zukommt. Das Ver-mögen, mittelst dessen wir diese Dinge erkennen, ist die imaginatiound unser Körper. Dies sind alle „primae experientiae”. Die Philo-sophie , nämlich die Kunst zu erfinden, ist nach Tschirnhaus mit