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§. 4. Seine Logik.
Theil II. erklärt Tschirnhaus: Gewöhnlich gelten Schmerzen undgrosse Schwäche als Vorboten einer Krankheit; dies ist aber nichtrichtig, denn, wenn wir sie empfinden, so ist die Krankheit bereitsda; und doch gilt hier besonders das Sprüchwort: „Principiis obsta”.Vielmehr kann das Herannahen eines Uebelbefindens aus drei Dingenbeurtheilt werden: 1) Wenn wir uns nicht angreifen, müssen wir,wenn wir gesund sind, Leichtigkeit und Beweglichkeit der Gliederempfinden; 2) das Verlangen nach Speise muss sich zur gewöhn-lichen Zeit einstellen; 3) die gewöhnlichen Geschäfte müssen unsleicht werden. Hierüber gelten folgende Kegeln:
5) Wir müssen darauf achten, ob wir Leichtigkeit oder Schwerein den Gliedern fühlen, auch wenn wir nicht zuyiel gegessen haben.Ist dies der Fall, so müssen wir den Ueberschuss der Nahrung,welcher nicht blos durch die gewöhnliche Wärme ausgetrieben wer-den kann, durch Schwitzen aus dem Körper entfernen.
6) Wenn wir keine Lust zum Essen verspüren zur gewöhnlichenZeit, müssen wir nur sehr wenig gemessen, oder, bei verspürtemWiderwillen uns des Genusses von Speisen auf einen Tag enthalten,dann mit Wenigem wieder anfangen und dabei schwitzen. Dennder Ueberfiuss an Nahrungssaft („succus nutritivus”) erzeugt Fieber,woher denn auch Fieberkranke ohne Nahrung lange aushalten können,oder auch, je nach Umständen, andere Krankheiten, bei Kindern,weil ihr Blut thätiger ist, Epilepsie', bei Kränklichen Apoplexie, in-dem die Adern durch die schnelle Bewegung des succus nutritivuszerreissen, bei Alten Kopfschmerz u. s. w.
7) Wenn wir die gewohnten Speisen plötzlich nicht vertragenkönnen, müssen wir uns derselben sogleich enthalten und anderewählen, zu denen wir Lust verspüren.
Ausser diesen Anzeichen von Krankheiten giebt es noch andere,auch solche, denen das Uebel auf dem Fusse folgt, so dass mannicht mehr Vorbeugen kann. Die eben angeführten Regeln hatTschirnhaus an sich selbst erprobt und gefunden, dass sie ihm nütz-lich gewesen sind „praecipue cum non tarn robustae sim complexionis,quam aliorum multorum esse ex indiciis haud fallacibus judico”.
Theil III. Wie ausgebrochene Krankheiten zu heilen, darübersind die Meinungen sehr verschieden; hier heisst es in der That:„quot capita, tot sententiae”. Jeder ertheilt, wenn er gesund ist,anderen Rath, ist er aber dann selbst unwohl, so ist er rathlos.Hier heisst es blos: „Esto observatum”. Er, Tschirnhaus, hat fol-gendes als erspriesslich gefunden:
8) Empfinden wir anhaltende Schwäche und Schmerzen, so sindalle Beschäftigungen zu unterlassen. Da ferner unser Leben be-sonders durch drei Dinge erhalten wird, durch Luft zum Athmen,durch Nahrung, durch natürliche Wärme („calor naturalis”), so er-geben sieh hieraus folgende Regeln:
9) Der Kranke muss in reiner, lauwarmer Luft sich befindenund dieselbe öfter erneuert werden.