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§. 4. Seine Logik.
10) Der Kranke muss sich, wenn er keinen Appetit hat, der Spei-sen enthalten, doch mag er sich solche vorsetzen lassen und Zusehen,wie andere essen, bekommt er dann auch Dust, so mag er seinemVerlangen folgen, aber nur zur gewöhnlichen Zeit. Denn im gesundenZustand sind die Kräfte unseres Körpers stärker als die von aussenauf ihn einwirkenden, in der Krankheit aber sind letztere mächtiger,es ist daher unrecht, unserem Körper noch Dinge von aussen zu-zuführen. Insbesondere wird darin gefehlt, dass man meint, einKranker müsse Arznei nehmen, denn alle Medicamente sind unge-wohnt. Man sagt zwar: Gott habe sie nicht umsonst geschaffen,allein meist werden sie doch künstlich zubereitet. Man sagt ferner,die Erfahrung beweise, dass sie nützlich sein, allein mehr Erfahrunghabe man jedenfalls von den gewohnten Nahrungsmitteln.
11) Alle Glieder des Körpers sind in Kühe zu halten und man mussSchweiss hervorzurufen suchen. Denn durch Ruhe werden die Schmer-zen gelindert, durch Warmhalten wird die Natur unterstützt. Durchden Schweiss werden nämlich die überflüssigen oder schädlichenNahrungsmittel wieder ausgesehieden, und zwar besser, als durchandere Secretionen, denn diese sind nur particul'är, der Schweiss abererstreckt sich über den ganzen Körper. Dass diese Meinung richtigist, beweist die Erfahrung, denn von den Jugendkrankheiten genesendie meisten Menschen, weil da der Körper Wärme genug hat, Land-leute, Briefträger und andere Personen, die viel schwitzen, sindselten krank. Tschirnhaus erzählt ferner, er habe einen Hofmann(„homo aulicus”) gekannt, der, obschon wie alle ein starker Trinker,doch von Gicht verschont geblieben sei, weil er stark geschwitzthabe; aus dom Schweisse habe sich ein Weinsteinähnlicher Nieder-schlag abgesetzt. Ueberhaupt wird nach Tschirnhausens Theoriedurch Schwitzen alles, was in uns versteinert, „ad instar calculirenum” aufgelöst, und viele, die an solchen Beschwerden gelitten,haben sich dadurch lange erhalten. Andere, die nach einem Gast-mahl Kopfschmerz bekommen, haben es vertrieben, indem sie denKopf umwickelten und schwitzten, wodurch der nach dem Kopfedringende Stoff entfernt ward.
12) Wenn die Kräfte wiederkehren und man die Krankheit ge-hoben fühlt, ist die gewohnte Lebensart, aber mit Vorsicht, wiedera ufzunehmen. Yerschlimmert sich dagegen die Krankheit und scheintder Patient den Geist aufgegeben zu haben, so darf er deswegenhoch nicht für todt gehalten werden, namentlich wenn starke Schmer-2 en vorhergegangen sind; selbst wenn die Glieder starr zu werdenanfangen, muss man durch Erwärmen versuchen, das Leben zu
erhalten.
In einem Anhänge („Appendix”) verbreitet sieh dann Tschirn-haus noch über seltene und ungewöhnliche Krankheiten und Ver-letzungen („rara & insolita symptomata, quae non ex victu, quemcapimus, originem sortiuntur”). Hierüber giebt er folgende Vor-schriften :