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Die Botanik in ihren Grundbegriffen mit Rücksicht auf ihre historische Entwicklung / von Dr. Gottl. Wilh. Bischoff
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Allgemein - Geschichtliches.

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am mysenischen Vorgebirge, umgekommen bei einem großen Ausbruche des Vesuv's,als er diesen in der Nähe beobachten wollte welcher in seinem öffentlichenund thätigen Leben, auf seinen Feldzügen und Reisen Gelegenheit hatte, soVieles in der Natur zu beobachten, beschäftigte sich nur mit dem Studium derälteren Schriften und mit dem Aufschreiben des Gelesenen, und hing diesem sonach, daß er im Winter vor Tage und selbst aus Reisen in der Sänfte seinemSchreiber, der oft die Hände vor dem Erstarren durch Handschuhe schützen mußte,zu dictiren Pflegte. Dadurch wurde seine bis auf uns gekommeneNaturgeschichte",welche in dem 12. bis 27. Buche von den Pflanzen handelt, ein bloßes Sammel-werk, worin Wahres und Falsches vermengt und selbst viele der höchst flüchtigenAuszüge aus älteren Werken nicht einmal richtig gemacht sind. Demungeachtetstand dieses Werk durch das ganze Mittelalter in großem Ansehen, da seinVerfasser in seiner Sprach- und abergläubischen Denkweise mit diesem Zeitalterder Finsterniß und Unwissenheit nur zu sehr übereinstimmte. In dieser trübenZeit, in welcher alle Wissenschaft, durch eine todte Gelehrsamkeit verdrängt,untergegangen war, machte sich vor allen anderen Schriftstellern unter der RömerHerrschaft Pedakios Dioskorides als größten Pflanzenkenner berühmt. Dieser,zu Anazarbus in Cilicien geboren, lebte in der Mitte des ersten Jahrhundertsunserer Zeitrechnung und schrieb unter Nero's Regierung eine Heilmittellehre,worin gegen 800 Pflanzen aufgeführt sind, von welchen aber viele gar nicht,andere nur sehr kurz und meist durch Vergleichung mit mehr allgemein bekanntenPflanzen näher bezeichnet werden. Dieses Werk, obgleich in botanischer Hinsichtsehr dürftig, erhielt doch ein so unglaubliches Ansehen, daß dasselbe durch einenZeitraum von 1000 Jahren als die alleinige und völlig zureichende Quelle allerPflanzenkenntniß angesehen wurde. Als im eilften Jahrhunderte von dem berühmtenarabischen Arzte Avicenna (eigentlich Al-Hussain Abu-Ali Ebn-Sina) ausBokhara eine ähnliche, größtenteils aus der vorhin genannten abgeschriebeneund nur mit der Angabe einiger morgenländischen Pflanzen bereicherte Heilmittel-lehre erschien, theilte diese das große Ansehen mit jener, und der Wahn,, beideWerke enthielten das Verzeichniß aller auf der Erde vorhandenen Pflanzen,erhielt sich bis in das sechszehnte Jahrhundert. Hier muß jedoch bemerktwerden, daß schon vom dreizehnten Jahrhunderte an einzelne Lichtblicke in dieseNacht der Wissenschaft fielen, als die mächtigen Freistaaten Jtalien's durch ihrenausgebreiteten Seehandcl die Kenntniß entfernter Länder und ihrer Natur-erzeugnisse erweiterten, wozu auch zum Theile die Missions-Reisen der Minoritennach den fernen Ländern Asten's beitrugen. Besonders wurde, neben der Kenntnißder Länder, Völker und Thiere, auch die der Pflanzen im östlichen Asien ver-mehrt durch den Venetianer Marco Polo, in der Beschreibung seiner fastdreißigjährigen Reisen in jenem Welttheile, in welcher freilich, wie überhauptin den Schriften seiner Zeitgenossen, auch viele fabelhafte Nachrichten enthaltensind. In diesem Jahrhunderte waren auch in einigen Ländern der Christenheitdurch die Araber die naturwissenschaftlichen Schriften des Aristoteles bekanntworden. Diese Schriften, wiewohl durch das Hin- und Her-Uebersetzen in mehrereSprachen gar sehr entstellt, übten doch vermöge des ächt wissenschaftlichen Geistes,der in ihnen lebte, eine mächtige Wirkung auf die Gemüther aus, regten zueigenem Beobachten, Prüfen und Denken an und entzündeten einen solchenForschungseifer unter den Gelehrten, daß die damals allmächtige römische Hierarchiedarob erbangte und denselben durch Jnterdicte und gegen die aristotelischenSchriften geschleuderte Bannstrahlen zu bekämpfen suchte, jedoch mit so geringemErfolge, daß selbst ein Dominicanermönch zu Cöln, ein geborner Graf vonBollstätten, bekannt unter dem Namen Albertus Magnus (gestorben als