Allgemein-Geschichtliches.
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das Studium der älteren botanischen Schriftsteller sehr erleichtert; aber esmachte sich nun auch immer mehr die Nothwendigkeit fühlbar, in das Chaosder sich fortwährend vergrößernden Masse bekannter Pflanzen selbst, die mannachgerade nicht mehr zu überblicken vermochte, Ordnung und systematische Ein-heit zu bringen. Es hatte zwar Andrea Cesalpini oder Cäsalpinus,aus Arezzo (geb. 1519, gest. 1603), Professor in Pisa, schon gegen das Endedes vorigen Jahrhunderts (1583) den ersten Versuch zu einem Pflanzensystemebekannt gemacht, in welchem er nach dem Baue der Blüthen, Früchte undSamen, mit Berücksichtigung der verschiedenen Lage und Richtung des Keimes,die ihm bekannten Pflanzen in 15 Classen, und jede dieser Classen wieder ineine verschiedene Zahl von Ordnungen abtheilte; da er sich aber einer neuen,für seine Zeitgenossen meist unverständlichen Kunstsprache bediente, so hatten seineohnedieß für jene Zeit zu hoch stehenden Ideen keinen Anklang gefunden undwaren gänzlich unbeachtet geblieben. Erst in der letzten Hälfte des 17. Jahr-hunderts, nachdem durch Joachim Jung aus Lübeck, der als Rector desGymnasiums zu Hamburg (im Jahre 1657) starb, der erste Grund zu richtigerenBegriffen von Gattungen und Arten, und somit überhaupt zu einer bessernAnordnung der Pflanzen gelegt war, versuchten sich mehrere gelehrte Botanikeran der Aufstellung von Pflanzensystemen. Die meisten dieser Schriftstellerwählten die Fruchtbildung zur Grundlage der systematischen Eintheilung, undwerden darum „Fructisten" genannt, obgleich sie theilweise auch die Blüthe zurBildung von Abtheilungen berücksichtigten. Solche Systeme gaben der Schott-länder Robert Morison (1680), der Engländer John Ray oder Rajus(1682—1700), der auch zuerst die Zahl der Keimblätter beachtete, ChristophKnaut, Stadtarzt zu Halle (1687), Paul Hermann, ein geborener Hallenser,Professor zu Leiden (1690—1695). Alle nahmen aber noch, nach Cesalpini'sVorgänge, die Eintheilung des Pflanzenreiches in zwei Hauptgruppen, in „Holz-gewächse (Bäume, Sträucher, Halbsträucher)" und in „Kräuter" an. AugustQuirin Rivinus, Professor zu Leipzig, schasste dagegen (nach den vonJoach. Jung ausgesprochenen Grundsätzen) diese unwissenschaftliche und unprak-tische Eintheilung der Pflanzen ab, wählte die Form und Zahlenverhältuisse derBlume zum obersten Eintheilungsgrunde und bildete hiernach in seinem (1690erschienenen) Systeme 18 Classen, welche er nach verschiedenen Merkmalen derFrucht weiter in Ordnungen abtheilte. Sein System wurde in Deutschland vonden meisten Botanikern ungefähr 40 Jahre hindurch befolgt, wobei es jedochauch von verschiedenen Seiten Widerspruch erfuhr und manche Abänderungenerlitt, namentlich durch Christian Knaut, Bibliothekar in Halle (1716), undChristian Gottlieb Ludwig, Professor zu Leipzig (1737). Einen größernAnklang fand das System von Joseph Pitton Tournefort, welches zuerstim Jahre 1694 und ausführlicher entwickelt im Jahr 1700 erschien, und langeZeit von den meisten Botanikern, zumal in Frankreich, befolgt wurde. DerEintheilungsgrund für die 22 Classen desselben ist von dem Dasein und Mangel,und im ersten Falle von der Gestalt der Blume hergenommen. Dabei sind aberwieder die von Vielen mit Recht getadelten Hauptabtheilungen der kraut- undholzartigen Pflanzen angenommen. Tournefort, zu Aix in der Provence (imJahre 1656) geboren, von seinem Vater znm geistlichen Stande bestimmt, dener aber nach dessen Tode mit dem Studium der Medicin und Botanik ver-tauschte, in seinem 27. Jahre zum Professor der Botanik und Vorsteher desköniglichen Gartens zu Paris ernannt, aber schon in seinem 52. Jahre (1708)gestorben, in Folge des Stoßes, den er von der Deichsel eines rasch fahren-den Wagens erhielt, hatte große Reisen in Europa und Kleinasien gemacht; es