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Die Botanik in ihren Grundbegriffen mit Rücksicht auf ihre historische Entwicklung / von Dr. Gottl. Wilh. Bischoff
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Botanik.

waren ihm bereits 10,000 Pflanzenarten bekannt, nnd er leistete in der kurzen-Zeit seines literarischen Wirkens so Außerordentliches in allen Zweigen der Phy-tognosie und förderte die wissenschaftliche Pflanzenkunde in so großem Maße,daß ihm ohne Widerrede unter den Botanikern seiner Zeit der erste Rang ge-bührt. Er war auch der Erste, welcher den richtigen, auf der Uebereinstim-mung der Arten im Baue ihrer Blüthe und Frucht beruhenden Begriff derGat-tung (AMus)", wie er heutigen Tages noch als der naturgemäße gilt, aufstellteund dadurch zu einer bessern Systematik und Pflanzenbeschreibung den Wegbahnte.

Außer dem bedeutenden Fortschritte, welchen man im 17. Jahrhunderte vonder ungeordneten Pflanzenbeschreibung zur ersten systematischen Anordnungmachte, entstand auch ein ganz neuer Zweig der Botanik, die Anatomie derPflanzen. Die in den ersten Jahren dieses Jahrhunderts von dem HolländerCornelius Drebbel erfundenen Vergrößerungsgläser wurden später zur Zu-sammensetzung von Mikroskopen benutzt, und" dadurch öffnete sich den Natur-forschern ein neues großes Feld zu Untersuchungen mancher Art. Der Erste,,welcher ein solches zur Beobachtung kleiner, dem bloßen Auge nicht mehr er-kennbarer Gegenstände brauchbares Instrument (im Jahre 1660) verfertigte,war Robert Hooke, Professor der Mathematik und Secretär der königlichenSocietät der Wissenschaften in London, der auch bald darauf (im Jahre 1665)seine mikroskopischen Beobachtungen und darunter die ersten genaueren Unter-suchungen des Zellgewebes mehrerer Pflanzen veröffentlichte. Die eigentlichenVäter der Phytotomie sind aber Nehemiah Grew, Secretär derselben Societätin London, und Marcellv M alpighi, Professor zuBologna, welche gleichzeitigund völlig unabhängig von einander sich mit der Untersuchung des innern Pflan-zenbaues beschäftigten und Beide in demselben Jahre (1671) ihre bedeutendenWerke über Pflanzen-Anatomie der Londoner Societät übergaben, welche die-selben, schönstens ausgestattet, auf ihre Kosten drucken ließ. Diesen beiden aus-gezeichneten Phytotomen schloß sich Anton van Leeuwenhoek, ein Bürgeraus Delft, an, der selbst in der Glasschleifkunst erfahren, mit dem größtenEifer den innern Bau der Pflanzen zu erforschen strebte und seine zahlreichenBeobachtungen (vom Jahre 1675 an) in einer Reihe von Briefen bekanntmachte, welche größtentheils auch an die königliche Societät in London gerichtetwaren, deren Name so in die aufblühende Wissenschaft überall verflochten wurde.Aber diesem raschen Aufblühen folgte nicht so bald eine weitere Entwickelung.Es trat vielmehr schon am Schlüsse des Jahrhunderts wieder eine Stockung ein,welche bis in die letzte Hälfte des 18. Jahrhunderts währte, und in dieser gan-zen Zeit fand sich auch nicht ein einziger Beobachter, der die von jenen Dreienbereits so fest begründete Lehre vom innern Baue der Pflanzen weiter geführthätte. Es kam sogar im Anfange des letzten Jahrhunderts so weit, daß mangeradezu gegen den Gebrauch der Mikroskope eiferte und die mit Hilfe der-selben gemachten Entdeckungen für Gesichtstäuschung erklärte. Dies geschahnamentlich von dem Professor Sbaraglia zu Bologna (im Jahre 1704)und von Fontenelle zu Paris, der (im Jahre 1711) vor der versammeltenAkademie der Wissenschaften, deren immerwährender Secretär er war, den Ge-brauch des Mikroskop's für unstatthaft erklärte. Das hierdurch geweckte Miß-trauen genügte in jener Zeit, um von den mühsamen phytotomischen Untersu-chungen abzuschrecken. Neben der Anatomie hatten sich die Gründer derselbenzugleich mit der Lösung mancher physiologischen Fragen beschäftigt und mit derErklärung des Baues auch zumTheile die der Verrichtungen der Organe zuge-ben versucht, wobei freilich der damals noch sehr ungeläuterte Zustand der Chemie