Allgemein-Geschichtliches.
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sie oft zu irrigen Vorstellungen verleitete. Da aber die Physiologie nur an derHand der Anatomie, als ihrer nothwendigen Grundlage sich gedeihlich entwickelnkann und zur richtigen Erklärung der Lebenserscheinungen zugleich einer geläu-terten Chemie bedarf, so konnte sie sich bei der nun wieder eingetretenen gänz-lichen Vernachläßigung der Phytotomie und bei dem mangelhaften Zustande derChemie lange Zeit hindurch keiner wesentlichen Fortschritte erfreuen. Unter sol-chen Umständen brachten die ziemlich zahlreichen, zum Theile mit großem Scharf-sinne angestellten Versuche, namentlich über die Bewegung der Säfte, die Er-nährung, das Wachsthum und die Befruchtung der Gewächse, welche seit demJahre 1671 von den Engländern Tongue und Lister an bis auf den deut-schen Philosophen Christian Wolf, Professor zu Halle (geb. 1679, gest. 1754),sammt dessen Schüler, Ludw. Phil. Thümming, und den französischen JesuitenSarrabat, genannt de la Baisse, oder bis zum Jahre 1733, bekannt ge-macht wurden, mit wenigen Ausnahmen, zu welchen namentlich die vortrefflichenExperimente über die Ernährung und Säftebewegung in den Pflanzen von demenglischen Geistlichen Stephan Hales (1727) zu zählen sind, der Wissenschafteinen nur unbedeutenden Gewinn. Zu jenen Ausnahmen gehören ferner die vondem Tübinger Professor Rudolph Jakob Camerarius (im Jahre 1695) be-kannt gemachten Beobachtungen und Versuche über die befruchtende Kraft desBlüthenstaubes, aus welchen er das Vorhandensein einer Geschlechtsverschiedenheitbei den Pflanzen wirklich zuerst bewies und dadurch den Grund zu der Sexual-Theorie legte, welche im Linne'schen Zeitalter eine so große Bedeutung für dieSystemkunde und später noch für die Lehre von der Zeugung erlangte.
Durch die Ausbildung des Gattungsbegriffes und die Feststellung der Se-xualitätstheorie erscheint die Tournefort'sche Periode, welche sich innerhalb 45Jahre (von 1690—1735) eingrenzen läßt, als eine merkwürdige Krisis derWissenschaft, während welcher die letztere bedeutend an innerer Lebenskraft gewannund die frischen Keime und Knospen zu treiben begann, welche mit dem nuneintretenden neuen Frühlinge, dessen Verkünder der Schwede Linnä war, nacheinander zu freudiger Entfaltung gelangten. Während die Pflanzenforscher des16. und eines Theiles des 17. Jahrhunderts in einer mehr passiven Beobachtungder Natur sich ganz in das Einzelne verloren, die Botaniker der folgenden Zeitaber das von den Vätern erworbene Gut, zum Theile mit Hintansetzung dereigenen gründlichen Naturforschung, zu sammeln und unter allgemeine Uebersichtenzubringen strebten, wurde von Linnä das Gleichgewicht zwischen dem Speciellenund Generellen festgestellt, indem er mit der eigenen treuen Naturforschung dendas Ganze überschauenden und ordnenden Geist verband. Durch ihn erfuhr dieganze Naturgeschichte, vornehmlich aber die Botanik eine so durchgreifende Ver-besserung und zum großen Theile eine so völlige Umgestaltung, daß mit ihm erstdie höhere wissenschaftliche Begründung der gesammten Pflanzenkunde anhebt;denn, wenn ihm auch vorzugsweise die Ausbildung der Phytognoste am Herzenlag, so gibt es doch kaum einen Zweig der Botanik, in welcken er nicht irgendeinen Lichtblick zur Aufhellung oder doch zu Anregung weiterer Forschung gebrachthätte. Carl von Linnö, zu Roshült in Smoland (im Jahre 1707) geboren,verlebte seine Jugend in großer Dürftigkeit, als'der Sohn eines unbemitteltenLandpredigers, welcher ihn ebenfalls zum geistlichen Stande bestimmt hatte.Aber schon auf der Schule zu Wexiö, wo er sich zu den theologischen Studienvorbereiten sollte, lockte ihn die Liebe zur Natur und hauptsächlich zu den Pflan-zen so sehr von den ernsten Sprachstudien ab, daß er in denselben ziemlichzurückblieb und sein Vater, an seiner Befähigung zum Studiren verzweifelnd, ihnzu einem Schuster in die Lehre gab. Dem Arzte zu Wexiö, Joh. Roth mann,