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Die Botanik in ihren Grundbegriffen mit Rücksicht auf ihre historische Entwicklung / von Dr. Gottl. Wilh. Bischoff
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Pflanzengeschichte.

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umgekehrt in ehemals Pflanzenreichen Gegenden einzelne Pflanzenarten mituntermassenweise, theils durch dauernde Ueberschwemmung oder Trockenlegung ihresStandortes, theils durch eingetretene Veränderung des Klima's während dergeschichtlichen Zeit ausgestorben sind. Aus mehreren Inseln vulcanischen Ur-sprunges, wie auf St. Helena und Ascension, hat sich im Laufe der letztenJahrhunderte eine, wenn auch noch sehr spärliche, Vegetation eingesunken; vonGrönland dagegen erzählt die Sage und ist selbst durch Urkunden erwiesen, daßdessen Ostküste noch vor 400 Jahren ein wohnliches Land war/ welches schöneWiesenflächen besaß, während jetzt daselbst alle Vegetation erstürben ist, und dienie anschauenden Eismassen sogar eine Landung unmöglich machen. So findensich in manchen Gegenden deutliche Anzeigen von dem Verschwinden ganzerWälder, die nun vom Meere überdeckt oder in Torflagern vergraben sind, waszumal an den Küsten England's keine seltenen Erscheinungen sind. Daß durchallmälige Weiterverbreitung des Flugsandes der großen Wüsten in Afrika undSyrien ganze ebemals fruchtbare und palmenreiche Gegenden seit der historischenZeit in pflanzenleere Strecken verwandelt wurden, bezeugen die jetzt im Wüsten-sands begrabenen Ruinen von großen, einst reichen und mächtigen Städten, wievon Memphis und Palmyra. Am Häufigsten trägt der Mensch zur Vermin-derung oder Vernichtung von einer Gegend ursprünglich angehörenden Pflanzendurch Ausrentung von Wäldern, durch Trockenlegung von Sümpfen und Ur-barmachung wilden Landes, zum Theil sogar durch Verbreitung seiner Haus-thiere bei.

Wenn auch die Annahme einer allgemeinen Wanderung, von einem odermehreren erhabenen Punkten aus, nicht zuläßig erscheint, so ist doch die natür-liche Verbreitung mancher Pflanzen über ihren ursprünglichen Verbreitungs-Bezirkhinaus eine unbestrittene Thatsache. Die Mittel, deren sich die Natur zu die-sem Zwecke bedient, sind heftige Winde und Strömungen der Flüsse und Meere,durch welche die Samen oft auf weite Strecken fortgeführt werden, ferner Säuge-thiere und Vögel, welche theils die Früchte verzehren und ihre mit festen Scha-len versehenen Samen an entfernten Orten mit ihren Excrementen absetzen, oderauch leicht haftende Früchte und Samen in ihrem Pelze und Gefieder nach ent-legenen Orten verschleppen. Mehr aber, als durch alle von der Natur ange-wendeten Mittel, wurde von jeher und wird täglich noch die weitere Aus-breitung vieler Pflanzen durch den Menschen, theils mit, theils ohne Absicht,befördert. Während derselbe aus der einen Seite durch Zerstörung die Ausdeh-nung der Verbreitungs-Bezirke vieler Pflanzen vermindert, strebt er auf derandern Seite in noch größerm Maße die Grenzen für andere Gewächse zu er-weitern. Durch Kriege, Völkerwanderungen, Kreuzzüge, durch den Handel,durch Land-und Seereisen sind eine Menge ausländischer Pflanzen in Europaeingeführt, so wie viele der europäischen über andere Welttheile verbreitet wor-den. Die meisten unserer Getreidearten, die Bohnen, der Weinstock, der Tabakdie Kartoffel und noch viele andere Culturpflanzen haben wir aus anderen Weltthei-len erhalten, während umgekehrt diese, namentlich aber Nordamerika, das Capund Neuholland, wieder von Europa aus viele ihnen früher fremde Pflanzendurch den Handel und die Colonisation empfingen, wodurch ganze Gegendenjetzt eine von ihrer ursprünglichen ganz verschiedene Vegetation besitzen und dieVerbreitungs - Bezirke in einer Weise ausgedehnt wurden, wie es niemals aufnatürlichem Wege hätte geschehen können.

Aus diesen kurzen Andeutungen ergibt sich schon die innige Verknüpfungder Pflanzengeschichte mit der Geschichte der Erde und ihrer Bewohner; ein tie-feres Eingehen in dieselbe läßt aber noch mehr den großen Einfluß erkennen, den