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Die Botanik in ihren Grundbegriffen mit Rücksicht auf ihre historische Entwicklung / von Dr. Gottl. Wilh. Bischoff
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Botanik.

besonders aber in seinem WerkeDie Lehre vom Geschlechte der Pflanzen in Bezugauf die neuesten Angriffe erwogen. Brem. 1822) die Mangelhaftigkeit vielervon den Gegnern vorgebrachten Thatsachen und die Unstatthastigkeit der daraufgebauten Schlüsse nach, indem er zugleich durch eine Reihe von Beobachtungenund Versuchen die stattfindende Befruchtung bei phanerogamischen Pflanzen als unzwei-felhaft darstellte. Nachdem noch außerdem durch die von A. F. Wiegmann,Apotheker in Braunschweig, von dem Franzosen Lageret und besonders von C.Friedr. Gärtner, Oberamtsarzt in Calw, angestellten zahlreichen Versuche einerkünstlichen Befruchtung und Bastarderzeugung im Allgemeinen die Nothwendig-keit der Einwirkung des Pollens aus das Pistill zur Ausbildung keimfähigerSamen erwiesen worden, machte der italienische ProfessorI. Bapt. Ami c i, der sichviel mit Verbesserung der Mikroskope beschäftigte, (in ^r>n. äes so. nut. 1824.p. 65), auf das Hervortreten von Schläuchen aus den auf die Narbe gelangtenPollenkörnern aufmerksam. Diese Schläuche sahAd.Brongniart, Professor undMitglied der Akademie zu Paris, in das Gewebe der Narbe zwischen die Zellen ein-dringen (Lkllmoirss sur la Zönorution ot le äsvoloppoinont äo l'embr^on oto. inäos so. imt. 1827), und nachdem nun noch vonRob. Brown (Obsorvu-tiovs vu tlls orZWS nnä moäo ok lecuncintion in Oreliillsue unä ^selspiackene1831; übersetzt in R. Brown's Verm. Schrift. 5. Bd. S. 117), sogar ihrHerabsteigen von der Narbe bis in den Fruchtknoten und ihr Eindringen in denEimund bei Orchideen und Asclepiadeen, dann von mehreren Beobachtern, na-mentlich vonJ. Horkel, Professor zu Berlin (im I. 1836; s. Monatsberichte derAkademie), auch bei vielen anderen Pflanzenfamilien nachgewiesen worden, gelang esSch leiden (Einige Blicke auf die Entwickelungsgesch. des vegetab. Organism.bei den Phanerog. in Wiegmann's Arch. 1837. Bd. 1. S. 289) den An-gedrungenen Pollenschlauch bis in den Keimsack und die schon (in der Gestalt-lehre S. 95) beschriebene Entwickelung seines angeschwollenen Endes zum Keimezu verfolgen und damit diese Angelegenheit zum Abschlüsse zu bringen *). Gleicher-weise wurden auch die Veränderungen, welche sonst noch in dem Pflanzenei vonseiner Befruchtung bis zur Samenreife eintreten, von L- Eh. Treviranus,Rob. Brown, Ad.Brongniart, Bri sseau - Mirbel u. a. m., amSorg-fältigsten aber ebenfalls von Sch leiden erforscht. Für die Kryptogamen bleibtes dagegen immer noch zweifelhaft, ob bei ihnen ein einer Befruchtung vergleich-barer Act stattfinde, da wir über die Bedeutung und Function der sogenannten An-theridien noch ganz in Ungewißheit sind, die zu neuen Pflanzen entwickelungs-fähigen Sporen aber im Allgemeinen nicht nur in der Entwickelung, sondernauch in der morphologischen und physiologischen Bedeutung mit dem Pollen der

*) Nachdem der Druck dieser Bogen bereits bis zu gegenwärtiger Stelle vorgeschritten ist,erscheint von Hugo v. Mohl ein Aufsatzüber die Entwickelung des Embryo vonOrellls Norio" (botanische Zeitung Nr. 27 den 2. Juli 1847 S. 485 473), inwelchem er die von Pros. Giambattista Amici zu Florenz nach mehrjährigenUntersuchungen gegen die Lehre Schleiden's erhobenen Einwürfe bestätigt und,gleich Jenem, zu dem Resultate gelangt, daß der Keim nicht,aus dem Ende desPollenschlauches entsteht, sondern daß sich schon, bevor dasselbe durch die Mündung desEies eingedrungen, in dem Keimsacke die zelliqe Anlage des Keimes (das Embryo-Bläschen Amici's) gebildet hat.und der Pollenschlauch seitwärts an der Außenflächedes Keimsackes nur eine kurze Strecke mit hinabläuft. H. v. Mohl hält diese mitseiner bekannten Genauigkeit dargelegten Beobachtungen für völlig beweisend, daß dasPollenkorn nicht als die Grundlage des Keimes, sondern nur als das befruchtendeOrgan der Pflanze zu betrachten und daß die Schletden'sche Theorie der vegetabi-lischen Befruchtung falsch ist. Wir haben demnach wahrscheinlich einer gänzlichenUmgestaltung dieser Lehre in der nächsten.Zukunft entgegenzusehen.