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Die Botanik in ihren Grundbegriffen mit Rücksicht auf ihre historische Entwicklung / von Dr. Gottl. Wilh. Bischoff
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Pflanzen - Physiologie.

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den Satz aussprechen, daß überall, wo zur Ernährung taugliche unorganischeBestandtheile mit einer hinreichenden Menge Wassers auf unserer Erde sich fin-den, auch Pflanzen wachsen können. Die in neuerer Zeit (von Liebig) aus-gesprochene Behauptung aber, daß alle Pflanzen sich nur von unorganischenVerbindungen zu nähren vermögen, ist unrichtig; es stehen ihr die zahlreichenächten Schmarotzerpflanzen entgegen, deren Hauptnahrung unzweifelhaft in einemmehr oder minder asstmilirten Safte besteht, den ihnen ihre Nährpflanze zuführt;auch die auf verwesenden und faulen Organismen wachsenden Pilze und selbstviele nur auf Torfmooren gedeihende Pflanzen nehmen allem Anschein nach mitihrem Nahrungssafte zugleich organische (in diesem gelöste) Verbindungen aufWelche Kräfte und Gesetze bei der Aufnahme der Nahrungsflüsstgkeit von Außen,auch walten mögen, so kann diese nur durch die noch lebensthätigen oberflächlichenZellen der Pflanze geschehen, so weit diese mit jener Flüssigkeit in Berührung kommen,und nicht durch einen besondern wasserdichten Ueberzug daran verhindert sind. Eswerden also die völlig unter Wasser wachsenden Pflanzen das letztere durch ihreganze Oberfläche, es werden die wurzellosen, auf festem Gesteine, auf abgestor-bener Rinde n. s. w. wachsenden, ganz der Luft ausgesetzten Gewächse die Luft-feuchtigkeit ebenfalls durch ihre ganze Oberfläche, dagegen die in der Erde wur-zelnden Pflanzen ihre Nahrung "theils aus dem Boden durch die noch lebendigeOberhaut der Wurzeln, theils aus der Atmosphäre durch die lebensthätige Epi-dermis der Achsen-Organe und der Blätter aufnehmen. In allen Fällen wirddie eingedrnngene Flüssigkeit von Zelle zu Zelle weiter geführt und so durch dasinnere Gewebe der ganzen Pflanze vertheilt, wobei sie aber von ihrem erstenEinkitte an zugleich durch Assimilation mehr und mehr verändert erscheint. Obüberall schon mit der Aufnahme der Nahrungsstoffe und bloß in Folge derselben(nach dem Gesetze der Endosmose) auch eine Ausscheidung von Flüssigkeit statt-finde, ist noch gar nicht erwiesen; daß aber ein Theil der in Folge der Assimila-tion frei gewordenen Stoffe ausgeschieden werde, ist gewiß. Durch die mit derOberhaut überkleideten Stellen und überhaupt durch die noch thätigen oberfläch-lichen Zellenschichten wird, so weit dieselben mit der Luft in Berührung stehen, derwässerige Ueberschuß des Nahrungssaftes beständig ausgeschieden, und zwar meistin Dunstform, seltener in tropfbar flüssiger Gestalt, wobei sich die Stärke derVerdunstung zwar hauptsächlich nach dem Wärmegrade, der Trockenheit und Be-wegung der Lust richtet, aber durch die verschiedene Natur der Pflanze und durchden besondern Bau ihrer zusammengesetzten Organe näher bestimmt wird. Dienächste Folge dieser Ausscheidung ist die Verdichtung der in den äußeren Schichtendes Parenchyms enthaltenen Säfte und zugleich ein Nachströmen des wenigerconcentrirten Saftes oder wenigstens des wässerigen Ueberschuffes aus den innerenZellen. Das ausgeschiedene Wasser ist selten chemisch rein, sondern enthält ge-wöhnlich organische und unorganische Stoffe in geringer, manchmal aber auch ingrößerer Menge, z. B. Zucker in dem Honigsafte der Blüthen, kohlensauren Kalkbei vielen SÄxilraAÄ-Arten, wo er nach Verdunstung des Wassers in schuppenför-migen Plättchen gegen den Rand der Blätter abgesetzt wird. Außerdem werdenaber auch noch mancherlei andere Stoffe ausgeschieden und auf der Oberflächeder Pflanze abgesetzt. Dahingehören die verschiedenen klebrigen. Säfte, welchez. B. bei vielen Sileneen, die Stengelglieder überzieht, ferner die wachsartigeSchicht, welche als sogenannter Reif, pruina, die grünen Theile mancher Pflan-zen, z. B. der Kohlarten, bedeckt, so wie die ätherischen Oele, welche sich häufigin oberflächlichen Zellen oder Zellengruppen, sogenannten Drüsen, ansammeln,bevor sie verdunsten. Endlich werden auch die überflüssigen, theils mit derNahrungsflüsstgkeit aufgenommenen, theils während des Assimilations-Processes