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Die Botanik in ihren Grundbegriffen mit Rücksicht auf ihre historische Entwicklung / von Dr. Gottl. Wilh. Bischoff
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Botanik.

frei gewordenen Gasarten ausgeschieden und an die Atmosphäre abgegeben. Wieweit hierbei ein Austausch der aus der Pflanze entweichenden mit den in derAtmosphäre enthaltenen Gasarten stattfindet, ist durch alle bis jetzt angestelltenUntersuchungen noch nicht gehörig festgestellt. Was wir darüber wissen, ist,daß bei Tag, besonders aber im directen Sonnenlichte, die meisten Pflanzendurch die Oberfläche ihrer grünen, noch lebenskräftigen Theile Sauerstoff aus-hauchen, bei Nacht aber Kohlensäure von sich geben und umgekehrt von diesenbeiden Gasarten aus der Atmosphäre aufnehmen, wobei es höchst wahrscheinlichist, daß bei den mit einer Oberhaut versehenen Pflanzen, wegen des meist vor-handenen wasserdichten Ueberzuges der Oberhautzellen, dieser Luft-Proceß gleich-wie die Verdunstung nur durch die Spaltöffnungen vermittelt wird und wo dieletzteren fehlen, wie auf der obern Fläche der Blätter bei den meisten Dikotyle-doneen, nicht stattfinden kann. Durch die Verdunstung an den mit der Atmo-sphäre in Berührung stehenden Oberflächen, namentlich der Blätter, und durchdie gleichzeitige Verdichtung der assimilirten Stoffe in den meisten Zellen, wo-durch ebenfalls das Volumen ihres Inhaltes sich vermindert, wird der Haupt-zug der fortwährend von der Wurzel aufgenommenen wässerigen Flüssigkeitenbestimmt, nämlich nach derjenigen Richtung hin, wo Flüssigkeit verdunstet undwo durch chemischen Proceß, in Folge der Assimilation, flüssige zur Bildung vonfesten Stoffen verbraucht werden, also in den meisten Pflanzen nach den jüng-sten und äußersten Theilen hin. Von einem aufsteigenden Strome in continuir-lichen Gesäßen oder Räumen im Innern der Achsenorgane und einem gleichzeiti-gen, oder mit diesem abwechselnden absteigenden Strome (eines besondernRindensaftes) in der Rinde, wie man sich häufig die Saftbeweguug in denhöheren Pflanzen noch denkt, zeigt die directe Beobachtung Nichts.

Ueber den eigentlichen Hergang bei Bildung der verschiedenen assimilirtenStoffe in der Pflanze und bei der wiederholten Umbildung derselben sind wirnoch ganz in Unkenntniß, da es der chemischen Kunst nocb nicht geglückt ist,auch nur eine einzige Substanz aus ihren Elementen zu erzeugen, welche miteinem der assimilirten Pflanzenstoffe übereinkäme, die sich großentheils als ho-merische Verbindungen erweisen und durch den leichtesten Anstoß sich verändernund in einander übergehen können. Daß Wärme und Licht einen hauptsächli-chen Einfluß aus den Assimilations-Proceß haben, zeigt die Erfahrung. Obauch die Elektricität dabei im Spiele sey, ist noch nicht erwiesen, aber ihreEinwirkung wahrscheinlich. Während der Assimilation des Nahrungssaftes unddessen Umwandlung in Zucker, Gummi, Stärkmehl, Pflanzenschleim, Membra-nenstoff und die übrigen zur Ernährung und Vermehrung der Zellen nöthigenSubstanzen werden auch mancherlei Stoffe im Innern der Gewebe abgeson-dert, von welchen es zum Theil ungewiß ist, ob sie noch zum Leben dienen,oder außer den Kreis der Lebensverrichtungen gesetzt sind. Dahin gehören diein den Saftgängen enthaltenen und in diese von den angrenzenden Zellen ingroßer Menge ausgesonderten Stoffe, wie das Gummi, der Pflanzenschleim,die ätherischen Oele, die Harze und Milchsäfte, von welchen die beiden ersterenallem Anscheine nach noch zur Ernährung dienen; über die Bestimmung deranderen aber sind die Meinungen verschieden. Dieß gilt zumal von dem Milch-säfte, welcher nicht bloß in Jntercellular-Räumen, sondern auch in eigenen lang-gestreckten, mehr oder minder verästeten Zellen enthalten, oft bei verschiedenenPflanzenarten specifisch verschieden ist und selbst in den verschiedenen Organender nämlichen Pflanze in dem Mengenverhältnisse seiner Bestandtheile abweichtund von dessen Bedeutung für das Leben der Pflanze wir für jetzt noch garnichts Sicheres wissen. Wenn man daraus, daß die Milchsäfte viele, vielleicht