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Die Botanik in ihren Grundbegriffen mit Rücksicht auf ihre historische Entwicklung / von Dr. Gottl. Wilh. Bischoff
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Pflanzen-Physiologie.

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die ältesten Bastschichten an die Rinde, die jüngsten aber an den Splint grenzen.Jeder neue Gefäßbündelkreis (Jährling) setzt sich aber auch unmittelbar über denvorhergehenden hinaus gegen den Gipfel des Stammes (in den neuen Trieb)fort und bedingt so zugleich eine Verdickung und eine Verlängerung der Achse,welche demnach, wie bei den Monokotyledoneen, auch ein periphcrisches und einLängenwachsthum besitzt, nur mit dem Unterschiede, daß die Gesäßbündel derälteren Zwischenstücke sich ununterbrochen in die jüngeren fortsetzen. In den Fäl-len , wo das Wurzelcnde des Keimes zur bleibenden Wurzel sich ausbildet, zeigtdiese ein gleiches combinirtes Wachsthum in die Ticke und nach ihrer Spitze, unddadurch entsteht ein Längenwachsthum der ganzen Hauptachse nach zwei entgegen-gesetzten Richtungen, während in den Fällen, wo die Wurzel nach der Keimungverschwindet, das ganze Längenwachsthum der Hauptachse ebenfalls nur nach demGipfel vorschreitet. Auf den hier geschilderten allgemeinen Wachsthumsverhält-nisscn beruht die Unterscheidung der von Un g er in seinem (früher angeführten)Pflanzensysteme aufgestellten Sectioncn der Endsprosser, Um sprosscr undEndumsprosser. Für die specielle Betrachtung des Wachsthums-Processcs beiden verschiedenen Pflanzen und zusammengesetzten Organen derselben steht noch einweites Feld offen. Es wurden zwar manche vergleichende Beobachtungen überdas Wachsthum an den Zwischenstücken von Achsen-Organen und an den verschie-denen Regionen von Blättern in neuerer Zeit (unter Änderen von E. Meyer,Mulder, Münter und Harting) bekannt gemacht, die aber über den eigent-lichen Hergang des Wachsens noch nicht das gehörige Licht verbreiten, weil sie nichtauf anatomischen Nachweisuugen beruhen, welche hier durchaus nötbig sind, umzu wissen, wie viel bei diesem Hergänge, namentlich bei der beobachteten periodi-schen Beschleunigung und Hemmung des Wachsthums, auf Rechnung der Neu-bildung oder d.er bloßen Ausdehnung bereits gebildeter Elementar-Organe zuschreiben ist. Ein Versuch Unger's (Bot. Zeit. 1844. S. 489), das Wachs-thum der Jnternodien von der anatomischen Seite zu beleuchten, steht noch zuvereinzelt da, um den nöthigen Aufschluß zu gewähren. Wie allenthalben Neu-bildung und Vergrößerung des bereits Angelegten Hand in Hand gehen, zeigtzumal die Entstehung und Entfaltung der Knospen, bei welchen jedoch auch nochManches aufzuklären bleibt. Die wichtigeren Verhältnisse der Knospen sind schon(in der Ecstaltlehre) betrachtet. Es sei hier nur erlaubt, noch an die große Selbst-ständigkeit zu erinnern, die sich in allen, besonders deutlich aber in den Brutknospenausspuckst, welche sich vor ihrer Entfaltung von der Mutterpflanze trennen und alsabgeschlossene Organismen für sich selbst weiter entwickeln, während auch die ge-wöhnlichen Knospen, künstlich von der Mutterpflanze getrennt und auf eine an-dere Achse (Subject) verpflanzt, auf dieser sich entfalten und zu kräftigen Trie-ben auswachsen können, wo dann die letzteren, obgleich sie ihren Nahrungssastvon dem Subjecte empfangen, diesen doch nach ihrer individuellen Weise assinii-liren und in abgeschlossener Lebensthätigkeit ihr Wachsthum vollbringen, einProceß, auf welchem die für den Feld- und Gartenbau so wicktigcn Operatio-nen der Impfung vermittelst Knospen und Zweigen (das Oculiren und Pfro-pfen) beruhen.

Wie es eigenthümliche Bcwegungserscheinungen bei einzelnen isolirten Zellengibt, so kommen auch dergleichen an zusammengesetzten Organen vieler Pflanzenvor. Zu den auffallendsten gehören die Bewegungen, welche die lebenden, auseiner einfachen Zelleureihe bestehenden Fäden der Oscillarien und verwandtenAlgen unter gewissen Umständen zeigen und welche in einem Vor- und Rückwärts-gehen des Fadens und in scheinbar pcudelartigen Schwingungen des gekrümmtenEndes desselben bestehen, welchen jedoch, wie eine aufmerksame Beobachtung zeigt,