Pflanzen - Physiologie.
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kann, bevor die weitere Ausbildung zur neuen Pflanze oder die Keimung beginnt.Aus der Spore, als einzelnen Zelle, entsteht allmälig durch Sprossen oderdurch Bildung neuer Zellen ein Organismus, der erst während des Keimungs-actes eine dem Keime im Samen der Phanerogamen vergleichbare Entwickelungs-stufe erreicht. Die dabei vorgehenden inneren Processe scheinen dieselben zu sein,wie sie bei der Vermehrung der Zellen überhaupt stattfinden; doch ist hier nochVieles dunkel. Besonders auffallend und schwer zu erklären ist es, daß die soeinfach gebaute Spore oft sehr geraume Zeit von der Aeußerung ihrer Lebens-tbätigkeit kann zurückgehalten werden und dabei nicht selten die bedeutendstenTemperatur-Veränderungen zu ertragen vermag, ohne ihre Keimungssähigkeitzu verlieren. Man hat Farnsporen, nachdem sie siebzehn Jahre lang im Her-barium aufbewahrt worden, keimen gesehen und die Sporen mancher Algen kei-men noch in heißen Quellen, deren Temperatur den Siedpunkt erreicht. Beider Keimung des Samens geht dagegen eine bloße Fortbildung des bereits (alsKeim) angelegten neuen Individuums vor sich, dessen Zellen, so wie überhauptdie Zellen des Samenkerns mit assimilirten Nahrungsstoffen (zumal Stärkmehl,fettem Oel oder Protein) erfüllt sind. Auch bei dem Samen kann der nach derReife im Lebens-Processe eintretende Zustand der Ruhe, dessen Dauer bei denverschiedenen Pflanzen sehr verschieden ist, durch künstliche Mittel znm Theil er-staunlich verlängert werden. Es sind Beispiele bekannt, daß von Lust und Feuch-tigkeit abgeschlossene Samen Jahrhunderte lang ihr Keimungsvermögen behielten,und dabei können manche Samen solche Grade von Hitze und Kälte vertragen,bei welchen der ganze Lebens-Proceß der ausgewachsenen Pflanze aufgehobenwürde. Nur bei dem Zutritte von Wasser und Luft/ unter Einwirkung derWärme, tritt die Keimung der Samen ein. Von dem eindringenden ÄZasserquellen die Bedeckungen des Keimes — die Samenschale, so wie die Fruchthülleund der Eiweißkörper, wo solche vorhanden — auf, und dehnen sich die Zellendes Keimes selbst, zuerst in dem stets gegen den Umfang des Samenkernes lie-genden Würzelchen, aus; dadurch verlängert sich dieses, tritt aus der berstendenSamenschale hervor und senkt sich in den Boden, worauf der obere Theil desKeimes sich aufrichtet und die Keimblätter entweder unter dem Boden und selbstin der Samenschale zurückbleiben oder von der austkrebenden Achse mit emporge-hoben werden, in welchem Falle sie sich meist zu grünen, denen des Keimknösp-chens mehr ähnlichen Blättern ausbilden. Sobald so die schlummernde Lebens-thätigkeit geweckt worden, treten auch im Innern der Zellen die chemischenProcesse ein, wodurch die aufgehäuften Nahrungsstoffe in einen flüssigen, zurErnährung und Neubildung geschickten Inhalt umgewandelt werden, indem na-mentlich ihr Kohlenstoff mit dem Sauerstoffe des Wassers und der Atmosphärezu Kohlensäure sich verbindet, welche in reichlicher Menge entweicht und beideren Bildung, die in einem wirklichen Verbrennungs-Processe besteht, die bedeu-tende Menge von Wärme entbunden wird, welche, wie schon erwähnt, bei kei-menden Samen sich bemerklich macht. Während so ein Theil der stets, wie esscheint, im Ueberflusse im Samenkerne abgelagerten Nahrungsstoffe zerstört wird,geht eine Umbildung des übrigen Theiles in Zucker, Gummi und Pflanzenschleimvor sich und wird dadurch die Neubildung von Zellen und das fernere Wachsthumder jungen Pflanze eingeleitet, deren weitere Entwickelung dann auf dieselbeWeise, wie weiter oben bei Betrachtung der Ernährung und des Wachsthumsangedeutet worden, vor sich geht.
Von der Keimung an spricht sich nun in den verschiedenen Lebenserscheinun-gen der Pflanze eine bestimmte Periodicität aus, so durch den täglichen Wechselim Schlaf und Wachen, durch die alljährlich zu einer für jede Pflanzenart be-