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Die Botanik in ihren Grundbegriffen mit Rücksicht auf ihre historische Entwicklung / von Dr. Gottl. Wilh. Bischoff
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Pflanzen - Physiologie. 137

der Lebensproceß erloschen und damit jede Möglichkeit zur Bildung neuer Organeentfernt ist.

Ein allgemeines Merkmal des Pflanzenlebens liegt nämlich in der fort-währenden Bildung neuer Organe zu den alten, wodurch die Pflanze bis zuihrem Tode ihre Masse vermehrt und wächst. Jedoch nur bei einer sehr ge-ringen Zahl von Pflanzen, welche dazu meist nur eine kurze Lebensdauer haben,bleiben alle Organe von der Keimung an vorhanden; die große Mehrzahl derlänger lebenden verliert periodisch die Blatt-Organe und häufig auch die älterenNebenachsen, welche dann wieder durch neue, zwar nicht aus denselben Stellen,sondern aus den jüngsten Trieben, ersetzt werden. Bei den ausdauerndenPflanzen mit krautigen Stengeln sterben gewöhnlich alle Nebenachsen alljährlichnach der Fruchtreife über dem Boden gänzlich ab, und es bleiben nur die unterdem Boden befindlichen Achsen-Organe am Leben, von welchen allein das weitereWachsthum ausgeht. Dieß sind die eigentlichen perennirenden Pflanzen oderStauden. Aber auch bei diesen bleibt die ursprüngliche Hauptachse nur in denFällen vorhanden, wo die primäre Wurzel ausdauert; wo dagegen diese nachder Keimung abstirbt, wie bei vielen dikotyledonischen und wahrscheinlich beiallen monokotyledonischen Stauden, oder wo schon von der Keimung an eineHauptwurzel fehlt, wie bei allen mit Achsen- und Blatt-Organen versehenenSporenpflanzen, stirbt auch der ursprüngliche Stamm von seinem ältesten Endeaus allmälig immer weiter ab, während der fortlebende Theil desselben vonseinem Gipfel aus fortmachst, auch wohl seitliche Knospen und aus diesenNebenachsen bringt, so daß im Laufe der Zeit an dem stets fortwachsendenGestimmt-Individuum Nichts mehr von den ursprünglichen Organen desselbenvorhanden bleibt und dasselbe, nur aus später hiuzugekommenen Organen be-stehend, als eine gänzlich verjüngte Pflanze erscheint. Es ist also hier einFortleben des Individuums nur durch solche Organe gegeben, zwischen derenEntstehung und der anfänglichen Keimung ein Zeitraum liegt, der, wenn wirnicht die Zeit der Aussaat kennen, völlig unbestimmbar ist/ Nur wo die ganzeHauptachse (Stamm und primäre Wurzel) ausdauert, wie bei den meistendikotyledonischen Bäumen und Sträuchern, bleibt dieselbe von der Keimung anbis zum Lebensende vorhanden, wobei aber doch auch eine periodische Erneuerungder Blatt-Organe und zum Theil der Nebenachsen, namentlich der blüthen-tragenden, und überhaupt sowohl durch fortgesetzte Knotenbildung, alsdurch Anlagerung neuer Holz- und Rindenschichten im Umfange der Achseeine wiederholte theilweise Verjüngung des Gesammt-Individuums stattfindet.Man kann daher auch nur bei diesen mit vollständig bleibender Hauptachseversehenen Pflanzen mit einiger Sicherheit das wirkliche Alter bestimmen, welchessich bei der mehr oder minder deutlichen Abgrenzung der jährlichen Holzringeaus der Zahl der letzteren, wenigstens annähernd ermitteln läßt. Aus solchenZahlungen, so wie aus geschichtlichen Documenten hat es sich ergeben, daßmanche Bäume ein außerordentlich hohes Alter erreichen; man kennt Beispielevon Eichen-, Ulmen-, Ahorn-, Taxusbäumen u. a., welche 300 bis 1000Jahre und darüber lebten; das Alter eines Baumes von Taxoäiuin äistiebumin der Nähe von Oaxaca in Mexico wird aus 3000, das des großen Drachen-baumes (vEasua vraoo) von Orotava auf Teneriffa über 5000 Jahre geschätzt;ein gleiches Alter hat man aus dem Durchmesser des Stammes und den Jahr-ringen einiger Aeste für mehrere der riesenhaften Boababbäume s^äairsoninäiAitatu) auf dem grünen Vorgebirge berechnen wollen, wogegen jedoch inneuerer Zeit Zweifel erhoben wurden.

Jedenfalls erkennen wir in dem hier geschildertenFortleben des Individuums