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ihnen nicht gewonnen werden konnte, ein bei dem furchtbar auf-regenden und nervenanspannenden Vorgang nur zu leicht erklärlicherUmstand. Unter diesen Verhältnissen gewinnen die Mitthoilungen derfranzösischen Augenzeugen dieses Kampfes auch für uns eine umso grössere Wichtigkeit, als sie sämmtlich das ehrenhafte undheldenmässige Verhalten der preussischen Angreifer uneingeschränkthervorheben, wenngleich sie in Einzelheiten von einander abweichen.Hinter den Fenstern und Mauern der Fabrik verhältnissmässig sicherund gedeckt stehend, konnten sie trotz der Spannung, mit der siedem Angriff entgegensehen mussten, doch kaltblütiger und unbe-fangener den Vorgang beobachten, als die unter dem furchtbarstenKugelregen ungedeckt Anstürmenden. Der lebhaften Einbildungs-kraft des romanischen Volkscharakters muss man allerdings einiger-massen Rechnung tragen.
Für die Frage, wann der Angriff der 5. Kompagnie statt-fand, giebt den einzigen sicheren Anhalt die Depesche Gauck-lers an Frey einet vom 23. Januar 6 11 A.: 1 ) „Der Feind zieht sichgeschlagen zurück, Ricciotti hat die Fahne des 61. preussischenLinien-Regiments genommen. Wir ermangeln des Schiessbedarfsfür Mitrailleusen.“ Es ist erklärlich und darum anzunehmen, dassein für die Franzosen so wichtiges Ereigniss, wie die Erbeutungder ersten feindlichen Fahne so schnell als möglich nach demVorfall dem Kriegs-Ministerium gemeldet worden ist: trotz allerEile wird das Ueberbringen der Nachricht vom Gefechtsfelde nachdem Nachrichten-Büreau Gaucklers, das Aufsetzen der Depesche,ihre Beförderung zum Telegraphenamt wohl eine halbe Stunde min-destens erfordert haben, so dass wahrscheinlich gegen 3 / i 6 Uhr dieFahne an Ricciotti übergeben worden ist. 2 ) Zwischen ihrem Auffindenund dem Abschlagen des Angriffs ist aber ebenfalls ein Zeitraumverflossen, der durch Feuergefecht zwischen Lehmgrube und Fabrikund später durch Versuche preussischerseits, die vermisste Fahnewiederzufinden, ausgefüllt wurde. Dieser Zeitraum ist nicht zuklein anzunehmen. Wir haben oben das Eintreten des Bataillonsin die Lehmgrube auf 4 £5 A. berechnet. Da nach den französischenBerichten die Vertheidiger der Fabrik die Fahne nach dem Heraus-treten aus der 150 Schritt entfernten Lehmgrube deutlich be-merkten, ein Augenzeuge sogar einen mit einer Adjutantenschärpe
0 Per. II. 786 No. 7409. — 2 ) Nach, den in der „Vossischen Zeitung“1871 No. 38, Beil. 2 abgedmekten stündlichen Aufzeichnungen einesitalienischen Berichterstatters zn Dijon über den 23. wird um 6 A. ge-schrieben, dass der Einzug Garibaldis in die Stadt mit der preussischenFahne bereits erfolgt sei.
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