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Die Kämpfe um Dijon im Januar 1871 und die Vogesenarmee : nach den kriegsarchivalischen Akten des Generalstabs und anderen Quellen / bearbeitet von Hans Fabricius
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dame des 61. Regiments, welche 1894 die Fahne im Invalidendomsah, sowie mehrere preussische Stabsoffiziere anderer Truppentheilespäter, fanden sie so gut wie neu und weder zerschossen noch be-fleckt, so dass sie daraus den Schluss zogen, die dort aufgebängteFahne wäre nicht die echte, sondern eine neu angefertigte. DieFahne hängt auf der obersten, Niemandem zugänglichen Galleriedes Doms so hoch, dass man von unten Einzelheiten unmöglich,selbst mit Hilfe eines Fernglases genau zu unterscheiden vermag,was noch dadurch erschwert wird, dass sie nicht einzeln, sondern inder Reihe in Gemeinschaft vieler anderer Fahnen befestigt ist.Da die Fahne nicht viel über zehn Jahre alt war und nur denFeldzug 1866 mitgemacht hatte, so ist es w r ohl glaubhaft, dasssie noch einen fast neuen Eindruck machte. Es ist überdies nirgendsdienstlich behauptet worden, dass die Fahne vollständig von Blutdurchtränkt und von Geschossen siebartig zerfetzt gewesen sei!

Ueber das weitere Schicksal der Fahne hat langeZeit Dunkel geschwebt. Jahre lang blieb sie verschollen. DieNachforschungen der Brigade Kettler führten auf ganz falscheFährten. Lange hat man auf preussischer Seite als richtig an-genommen, dass die Fahne durch einen garibaldinischen Offiziernoch am Abend des 23. Januars 1871 für 200 frs. einem Franktireurabgekauft, einem reichen Kaufmann zu Dijon vergeblich BehufsVerpfändung angeboten, später von Ersterem zu Verwandten nachCarcassone und dann nach Oran geschickt worden sei. 1 ) Es isteigentlich unbegreiflich, wie eine so stark an innerer Unwahrschein-lichkeit leidende Annahme überhaupt hat Glauben finden können.Wenn es auch auffallend war, dass lange Zeit nichts über denVerbleib der Fahne verlautete, so musste man sich doch sagen,dass der Verkauf der einzigen, nach hartnäckigem Kampfe infranzösischen Besitz gelangten Trophäe aus der Mitte einer Armeeund einer Stadt von 40 000 Einwohnern unmöglich unbemerkt vorsich gehen konnte. Nur die gewaltigen äusseren und innerenpolitischen Bewegungen, welche im Waffenstillstandsabschluss, inden Wahlen zur National-Versammlung und im Pariser Kommune-Aufstand fast unmittelbar folgten, erklären die sonderbare Er-scheinung, dass die Aufmerksamkeit völlig von der Fahne abgelenktwurde und diese lange Zeit ganz in Vergessenheit gerieth. Mitder Zeit fand ihr Schicksal Aufklärung.

Am 24. Januar 1871 erhielt der General-Post- und Telegraphen-Direktor Steenackers zu Bordeaux einen Brief Bordones, mit dem

v) Oberst v. Wedells Bericht enthält Einzelheiten hierüber.