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Die Kämpfe um Dijon im Januar 1871 und die Vogesenarmee : nach den kriegsarchivalischen Akten des Generalstabs und anderen Quellen / bearbeitet von Hans Fabricius
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desselben, in Betreff des Fahnenverlustes die Worte geäussert:Ich mache dem Bataillon nicht den geringsten Vorwurf, nachdemich mich aus den Berichten der Kommandirenden und aus denZeitungen informirt habe, wie brav sich das Bataillon geschlagen

Da der Garnisondienst in Folge des Abmarsches der Armee nichtgeregelt war, begnügte ich mich damit, den Offizier sein Ehrenwort gebenzu lassen, dass er nicht fliehen wollte, nnd so machte er den Weg vonDijon nach Chälon in meinem Wagen mit, wurde von meinen Aerztenbehandelt nnd lebte im Verkehr mit meinen Offizieren. Dieser jungeMann war sehr gut erzogen und ein angenehmer Gesellschafter, und daich voraussah, dass die Feindseligkeiten nicht wieder beginnen würden,erhielt ich nach unserer Ankunft in Chalon die Erlaubniss, ihn bei mirbehalten zu dürfen, wodurch ich ihm ein für später unnützes Einsperrenersparte.

Eines Tages befand ich mich während des Waffenstillstandes geradeim Zimmer meines Vaters, als dieser mit Bordone dieWalü eines an denBefehlshaber der preussischen Armee' zu sendenden Offiziers, anlässlicheiner Mittheilung bezüglich der Demarkationslinie zwischen beiden Armeen,besprach. Ich gab den Gedanken ein, meinen Gefangenen zu dem Endezu verwenden. Der Gedanke gefiel meinem Vater und Bordone, und manvertraute ihm diese Sendung an.

Ich erinnere mich, dass er einige Minuten vor der Abfahrt mitThränen in den Augen zu mir sagte, es sei die grösste Schande inseinen Augen, ohne seinen Säbel vor seinen Vorgesetzten erscheinenzu sollen. Bewegt durch eine Empfindung, welche wahre Soldatenleicht verstehen werden, und da es sich um einen Feind handelte,welcher sich mit uns muthig geschlagen hatte und ausserdemverwundet war, so bat ich ihn, den meinigen bis zu seiner Rückkehrzu nehmen. (Oberst Weyrach erinnert sich, dass es ein badischerInfanterie-Offizier gewesen sei, der sich ihm als Held obiger Erzählungvorgestellt habe. A. d. V.)

Als er nach Erledigung seines Auftrages zurückkam, erzählte ermir alle die Fragen, die in Betreff der von uns genommenen Fahne anihn gerichtet worden waren, und sagte mir, dass der Oberst der Ein-undsechsziger oder der General Kettler ich erinnere mich nicht mehr,welcher von Beiden mich dringend bäte, die Güte zu haben undin einem Brief einige Aufschlüsse zu geben, zu dem Beliufe. innerhalbder Grenze der Möglichkeit die Schärfe des Urtheilsspruchs zu ver-mindern, welcher voraussichtlich durch das Kriegsgericht oder dieUntersuchungs - Kommission ausgesprochen werden würde. (OberstWeyrach erklärt, keinen Wunsch nach etwas Schriftlichem über dieFahne geäussert zu haben. A. d. V.)

Ich erhielt hierzu .die Genehmigung meines Vaters und ich er-innere mich nur, dass der Brief im Wesentlichen, ohne in Einzelheiteneinzutreten, sagte, dass der Vorfall mit der Fahne zu gleicher EhreDenjenigen gereiche, welche erstere verloren, wie Denjenigen, welchesie erworben (conquis) hatten.

Ich erinnere mich nicht eines einzigen Satzes dieses Briefes,welcher geeignet wäre, mir die Absicht unterzuschieben, dass ich dieFahne zurückgeben wollte, und der Sinn, welchen man in dem vonIhnen mir mitgetheilten Artikel meinem Brief geben zu wollen scheint,verdient nicht in Betracht gezogen zu werden.

Und mein Vater, der General, welcher während seiner Dienstzeit4H Gefechte mitgemacht hat, sagte mir oft, dass er niemals einem gleichenKampfe beiwohnte, nie so viel Todte und Verwundete auf ein und dem-selben Platze zusammengesehen hätte. Er erzählte, dass er im Vereinmit seinem Sekretär Basso, welcher sich mit ihm im Wagen befand,auf einer Fläche in der Grösse eines gewöhnlichen Zimmers 54 Leichengezählt habe.