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Erster Band.
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Erstes Buch. VI. Die Kultur iu den Reichen der Merowinger.

ihre Feindin Brnnhilde nnd deren Sohn, König Childebert II., den Neffen ihres Gatten,sandte sie Mörder aus, die aber entdeckt wurden. Der genannte König, der Sohn des er-mordeten Sigibert, war jedoch nicht besser; er ließ in seinem Palaste zu Metz einen FrankenMagnowald aus unbekannten Gründen, während er harmlos einer Tierhetze zuschaute,hinterlistig erschlagen nnd dann zum Fenster hinauswerfen; er lies; später den mit anderenEdelingen gegen die Krone verschworenen Herzog Rauching, mit dem er noch eben heuchelndfreundlich gesprochen hatte, durch seine Mordbuben heimtückisch niederwerfen nnd ihm den Kopszerhacken. Theoderich, der Sohn dieses Ungeheuers, ließ nach dem Siege über seinenBruder Theodebert dessen Söhnchen am Füßchen ergreifen und ihm den Kopf an einemSteine zerschmettern. Ebenso scheußlich ist die Ermordung der greisen Brnnhilde, welcheChlothachar II., unter der lügenhaften Anschuldigung, zehn Könige getötet zu haben (wovonseine Eltern und er selbst die meisten umgebracht hatten), an den Schweif eines wildenPferdes binden nnd totschleifen ließ.

Diese Beispiele werden genügen, den sittlichen Charakter einer Kultur zu zeichnen, dieauf einer unnatürlichen Vermischung unvereinbarer Elemente beruhte, nnd in welcher, wieimmer, die schlimmere Seite die vorwiegende wurde.

Jene Beispiele zeigen aber auch, daß die christliche Religion auf die moralischenBegriffe der romanischen wie germanischen Bewohner in den Völkerwandernngsreichen nochnicht den von ihr zu erwartenden günstigen Einfluß ausübte. Wie konnte sie es auch, da injener Zeit des fünften bis achten Jahrhunderts der Streit zwischen Arianismus undKatholizismus und nach des letzter« Sieg die Herrschaft der Kirche über den Staat, alleübrigen religiösen Fragen in den Hintergrund drängte? Viele schlechte nnd wenig guteGeistliche begegnen uns in den geschichtlichen Quellen unter beiden Parteien. Einer derbesseren unter den Katholiken ist gewiß der Geschichtschreiber und Bischof Gregor vonTours, der sich einen hohen sittlichenden Einfluß unter seinen romanischen nnd germanischenLandsleuten erworben hatte. Allein auch ihn beherrschte durchaus nur die Rücksicht ausdie Kirche; kleine Belästigungen eines Klosters waren in seinen Augen ein größeres Ver-brechen, als alle Greuel und Morde, die er von der Familie seiner blutigen, aber freilichkirchcn- nnd klosterfrenndlichen Landesväter erzählt; nach seiner Ansicht waren die Eroberungendes Unmenschen Chlodowech ein wohlverdienter Lohn für seine Bekehrung! Gut war für ihnlediglich, was nach Anschauung der Zeit durch ein Wunder unterstützt wurde, nnd wenn esauch zu gnnsten des schändlichsten Bluthundes geschah, so daß er nur jene Übelthüter, welcheder Kirche nicht ergeben waren, in seiner Lieblingsweise mit Hcrodes und Nero verglich. —

Im fränkischen Reiche hatten die Juden kein Recht; sie hingen rein von derGnade des Königs ab; aber schlecht behandelt wurden sie nicht. Es kamen Wohl einzelneGewaltthaten gegen sie vor, aber auch sie übten oft solche. Von einer systematischen Ver-folgung, wie im westgotischen Spanien, hören wir nichts; — eine solche war erst dem späternMittelalter vorbehalten. In Geldgeschäften war ihnen nur Kleinhandel erlaubt; den Groß-handel betrieben christliche Syrer, — die Körperschaften beider begrüßten einziehende Königemit Gesängen in ihren Sprachen. Die Franken waren übrigens in den ersten Zeiten ihresChristentums von demselben noch so wenig durchdrungen, daß sie auf einem Kriegszuge inItalien gotische Weiber und Kinder als Kriegsopfer schlachteten und in den Po warfen.Deshalb war auch anfangs der damals als zum Christentum notwendig erachtete Fanatismusnoch nicht so groß; die fränkischen Herrscher bedrückten die Ariancr in den eroberten gotischenProvinzen wohl nur durch Entziehung ihrer Kirchen, aber nicht persönlich, wie die Wandalenihre orthodoxen Unterthanen. Andere „Ketzer" wurden aus dem Lande getrieben. Es herrschteauch lange Zeit noch so wenig Achtung vor der Kirche, daß das Asylrecht der Gotteshäuseroft auf die frevelhafteste Art verletzt und Flüchtlinge aus denselben durch falsche Eide hinaus-gelockt und dann niedergemacht wurden, was sogar häufig in den Kirchen selbst vorkam.Mangelte doch jede religiöse Belehrung; denn zu der bescheidensten Predigt gebrach es denGeistlichen an Bildung und den Weltlichen an Verständnis! Noch im siebenten Jahrhundertgab es in Belgien Heiden, welche Dagobert I. zwangsweise taufen ließ.