1301 Palladion (d. troische Sage i. alt. Epos)
Palladien ( Παλλάδιον , Palladium), altertüm-liches Bild der Göttin Pallas Athene auf derBurg von Ilion, an dessen Besitz die Erhal-tung der Stadt geknüpft war.
Die troische Sage.
1. Die Sage in den ältesten epischenGedichten.
A. Ilias und Odyssee kennen die Sage nochnicht; in der Ilias 6, 86—98. 269—280. 286—311 begiebt sich Hektor auf Anraten des He-lenos aus der Schlacht zu seiner Mutter, da-mit diese mit den Greisinnen in den Tempelder Athene, der auf der Akropolis liegt, gehe,ihr ein herrliches Gewand (πέπλος) in denSchofs lege und ein Opfer von zwölf Kühengelobe, wenn sie den siegreich yordvingendenDiomedes von Troja fernhalte. Hekabe be-folgt Hektors Gebot; Theano, die Gattin An-tenors , die Priesterin der Athene, öffnet denTempel, legt das Prachtgewand der Göttin inden Schofs (9ήχεν Ά&ηναίης έπι γουνο.οιν ήν-χόμοιο ν: 303) und spricht für die anwesendenFrauen das Gebet zu der stadtschirmendenGöttin (πότνί ’Α&ηναίη, ρνβίπτολι, δια Άεάωνν. 305). Der Abschnitt schliefst mit dem Vers:ως έφατ ευχόμενη, άν ένευε Sh Παλλάς ’ΑΊήνη.Die Göttin „winkte ab“.*) Aus dem Wort-laute der Verse 92. 273. 303 geht hervor, dafsder Dichter das Bild der Göttin als ein sitzen-des aufgefafst hat; ihr Tempel auf der Akro-polis Ilions entspricht etwa dem Tempel derAthena Polias auf der Akropolis Athens . Vgl.Bd. 1, Sp. 687 ff.
B. Der älteste Gewährsmann der Sage istArlctinos, der nach Dionys. Hai. 1, 69 (vgl.Kinkel, Ep. Gr. Fr. S. 50, 1 unter den Frag-menten der Iliu Persis ) erzählt hatte, Dar-danos habe von Zeus ein Palladion (παλλά-διον έν) empfangen, und dieses (echte) Palla-dion sei in Ilion geblieben bis zur Einnahmeder Stadt (τέως ή πόλις ή λ ίαχετο), im inner-sten Gemache des Athenatempels verborgengehalten; aber eine Nachbildung, die sich innichts vom echten Bilde unterschied, habeoffen (im Tempel) gestanden, um die An-schläge der Feinde zu vereiteln, und dieseNachbildrang hätten die Achäer listig entführt(έπιβουλείεβαντας λαβεΐν).**) Demnach nannteArktinos das Palladion ein Geschenk des Zeusan Dardanos, er kannte die Bedeutung desBildes für die Existenz der Stadt, er unter-schied zwischen einem echten und unechtenPalladion, er liefs das unechte zuerst in dieHände der Achäer kommen, also kannte erauch die Sage vom Raube des Bildes. Wohinkam aber bei ihm das echte Palladion? Pro-ms in der Inhaltsübersicht der Ίλιον Πέραιςdes Arktinos sagt: Καααάνδραν δε Αίας δ’ίλέωςπρος βίαν άποαπων αννεφέλχεται το τής ’Α&η-ν&ς ξόανον (vgl. Kinkel, Έρ. Gr. Fr. S. 49 f.Wagner, Apollod. Bibi. S. 244. 213; Bd. 1 Sp. 135
*) Zur Stelle vgl. Anhang z. Homers Ilias von Ameis-Hentze 2. Heft. 2 125 f. 156.
**) v. Doibschütz, Christuxbilder , Belege zu Kap. 1 S. 7. 2azieht die Echtheit dieser Überlieferung in Zweifel [vgl.Archiv /. d. Ausg. der älteren ckristl. Schriftst. v. 0. vonGebhardt u. A. Rarnack. 3. Bd. 1899].
Palladion (d. troische Sage b. Arktinos) 1302
Z. 38 ff. und Bd. 2 Sp. 977 Z. 3 ff.). Hier entsteht die Frage, was man unter dem ξόανονΆ&ηνας zu verstehen habe. Ist dieses ein Kul-tusbild der Göttin, verschieden vom Palladion,oder ist es das im Adyton des Tempels ver-borgen gehaltene Palladion selbst? Chavan-nes, de Palladii raptu S. 27 nimmt letzteresan. Dann würden bei Arktinos beide Palla-dien, vor der Eroberung das unechte und späterwährend der Eroberung (τέως ή πόλις ήλίβ-χετο) das echte in die Hände der Achäer ge-fallen sein, im Widprspruch mit der obigenAngabe bei Dionys, der nur das unechte in dieHände der Achäer fallen läfst. Indessen istin diesem Punkte Proklos wohl zuverlässiger,als Dionys, der ein Anhänger der Ansicht ist,Äneas habe das echte Palladion nach Italien gebracht. Dafür, dafs schon bei Arktinos Äneasdas echte Palladion gerettet habe, besitzen wirkein Zeugnis, vielmehr verliefs nach Proklosa. a. 0. der Held mit den Seinen die Stadtgleich nach dem wunderbaren Erscheinen derSchlangen und nach dem Tode des Laokoonnoch vor der Eroberung. Davon ist nichts ge-sagt, dafs er das echte Palladion damals mit-genommen habe.*) Denn die Stelle bei Dionys.Hai. 1, 69: αλιαχομένης δε τής χάτω πόλεωςτον Αινείαν χαρτερδν τής άχρας γενόμενοναραντα έχ των άδυτων τά τε ιερά των μεγά-λων &εων χαϊ οπερ έτι περιήν Παλλάδιον(9άτερον γάρ Όδυσοέα χαι Αιομήδην ννχτόςφασιν είς Ίλιον άφιχομένους λαβεΐν) οί'χεο&αίτε χομίβαντα τον Αΐνείαν έχ τής πόλεως χαϊέλ&εΐν άγοντα εις Ιταλίαν geht nicht auf Ark-tinos, sondern auf die c. 68 angeführten Ge-währsmänner Kallistratos und Satyros zurück.Worin bestand nun bei Arktinos der Freveldes lokrischen Aias? Zunächst sei bemerkt,dafs in Proklos’ Inhaltsangabe der Ιλίου Πέρ-α ις die Aufeinanderfolge der Abenteuer in Un-ordnung geraten ist. Die Satzfolge, die Kinkela. a. 0. S. 49 giebt, rührt von Lehrs her, vgl.a. a. 0. S. 50 Anm.· 2 und Bitter. Centralbl.1874 S. 668. Ich richte mich im folgendennach der Satzfolge, die Wagner, ApollodoriBibi. S. 243 Anm. z. 18 hergestellt hat. DerFrevel des lokrischen Aias fällt in die Nacht,in der Troja erobert wird. Neoptolemos tötetden Priamos am Altar des Zeus Herkeios, Me-nelaos findet die Helena und, nachdem er denDeiphobos gemordet, führt er sie zu denSchiffen. Der lokrische Aias, der die Kassan-dra mit Gewalt fortreifst, schleppt zugleichmit ihr das Schnitzbild der Athena hinweg**),das die Jungfrau umklammert hält. Odysseus tötet den Astyanax und Neoptolemos empfängt
*) Preuner , Hestia-Vesta S. 423 A. 5 sagt zwar: „dieserzählte Arktinos ohne Zweifel“, aber S, 423 sagt der-selbe : „die Annahme, dafs schon Arktinos das erzählthabe, ist bereits von Niebuhr widerlegt worden“ und dazuA. 1: Niebuhr, r. G. I 3 S. 199 f. Vgl. Lobeck , Aglaophamusp. 102 ff.
**) Dafs es sich hierbei nicht nur um ein XJmreifsen,sondern um ein Mitfortschleppen des Götterbildes ge-handelt hat, geht daraus hervor, dafs auf dem Bilde desPolygnotos in der Lesche zu Delphi bei dem Gericht derl^irsten über Aias Kassandra anwesend dargestellt war,sitzend, das Bild der Göttin im, Schofse·. Patts. 10, 26, 3·,Bd. 2 Sp. 980 Z. 1 ff.
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