809 Sibylla (in d. spät. Zeit)
gebt der Verfasser in schärfster Weise vor(Or. Sib. 3, 414—432). Offenbar ist er dazuangeregt durch Verse der ery thräischen Sibylle,die nach Varro (bei Lactanz a. a. 0.) demHomer gleichfalls Lügen und widerrechtlicheBenutzung ihrer Sprüche vorgeworfen hatte.Daß die griechische Seherin sein Vorbild ge-wesen ist, verrät seine Sibylle, die sich diebabylonische nennt, selbst in den Worten (3,809ff.): die Griechen werden mich nurgiSosallr\g, i'g ’Epvfrpf/s nennen, d. h. sie werdenmich nicht für eine Babylonierin, sondern fürdie Erythräerin halten. Diese Stelle hat Mras(„Babylonische “ und „erythräische “ Sibylle .Wiener Stud. 1908, S. 30) falsch verstanden.Er übersetzt die Worte ’Eqv&q ijs mit Un-recht „vom Roten Meere herstammend“, wieer denn überhaupt unberechtigterweise „dieAnnahme einer literarisch tätigen Sibylle ausErythrae für ein Phantom“ erklärt (S. 42). —
Was die Benutzung der jüdischen Sprücheim Altertum anlangt, so weist Gruppe (Kulteund Mythen, S. 675—701) nach, daß diegriechischen und römischen Schriftsteller „nie-mals, wo sie die Sibylle allein oder mit einemder bekannten Sibyllennamen zitieren, dieErytkraea des 3. Buches der Or. Sib. meinen“.
Über die Bezeichnung „babylonische Sibylle“und über deren Verhältnis zu dem babyloni-schen Geschichtschreiber Berosus vgl. obendie jüdische Sibylle und dazu Gruppe, Griech.Mythologie und Beligionsgeschichte , S. 1483;Bousset, Zeitsehr. f. neutest. Wissensch. 1902,S. 27; Geffcken, Nachr. v. d. Gott . Ges. derWissensch. 1900, S. 101; Tümpel in Pauly-Wissoicas B. E. 3, 309; Mras a. a. 0. S. 28.
Um den alten Kern des 3. Buches kristalli-sierten sich allmählich weitere jüdische undendlich auch viele christliche Sprüche, die anpoetischem Werte jenen nachstehen. Die christ-lichen Schriftsteller knüpften natürlich an dieVerherrlichung des einen jüdischen Gottesan, die sie auf den ihren bezogen. Sie suchtendadurch die Verbreitung des Christentumsunter den Römern zu fördern. Deshalb sagtdie Sibylle im Eingänge des 8. Buches, sie seinach Rom geschickt, um hier zu prophezeien.Ihre Weissagungen gewannen natürlich ge-waltig an Glaubwürdigkeit, als die geistlicheund weltliche Herrschaft zusammenfielen, alsdas Christentum Staatsreligion wurde. Daschien das vorbergesagte Weltreich nahe zusein. Man sah es schon in der HerrschaftKonstantins, der wohl selbst daran glaubte,da er anfangs eine Sibylle als Münzzeichenauf seine Münzen setzte. Denn die auf ihnendargestellte Daphne kann wohl nur die delphi-sche Sibylle sein. Vgl. Kampers, Die deutscheKaiseridee in Prophetie und Sage S. 16.
Indem so die späteren Zeiten das Vorge-fundene Material an sibyllinischen Sprüchenerweiterten, entstanden allmählich die 14 Bücher,die uns noch erhalten sind. Für die Ent-stehungszeit gewinnen wir einen terminus postquem aus dem Ende des 13. Buches. Hierschließt ein Abriß der Geschichte von derSintflut an mit einer Verherrlichung des Odae-nathus, des Gemahls der Kaiserin Zenobia.
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Die Sprüche sind am besten herausgegeben vonGeffcken, Oracula Sibyllina. 1902. Außerdemvon Friedlieb , Die sibyllinischen Weissagungen.1852 (mit deutscher Übersetzung); von Alex-andre, Oracula Sibyllina 1841—56; von Bzach,Oracula Sibyllina 1891.
Über die Komposition und den Inhalt derSprüche vgl. Geffcken, Komposition und Ent-stehungszeit der Or. Sib. und Boussets obengenannten Artikel Sibyllen. Am meisten zurVerbreitung der sibyllinischen Sprüche habendie Kirchenväter bei getragen, die ohne Aus-nahme an die Echtheit dieser Verse geglaubthaben. Heben Augustin war besonders Lactanzein gläubiger Verehrer ihrer Prophezeiungen,aus denen er in seinen Werken viele Verseanführt zum Beweise, daß der wahre Gott auchvon heidnischer Seite vorausgesagt sei. Soschrieb man allmählich den Sibyllen dieselbeRolle bei den Heiden zu, welche die alttestament-lichen Propheten bei den Juden spielten. Wievon diesen, so wurden auch von den heidni-schen Seherinnenzusammenstellungen angelegt,besonders wurde der Sibyllenkatalog Varrosübernommen und später erweitert. Lactant.instit. div. 1 , 6; Isidor, orig. 8, 8; vgl. Maaß,de Sibyllarum indicibus.
So genossen die Sibyllen schließlich die-selbe Verehrung wie die Propheten des altenTestaments. Das gilt vor allem von der tibur-tinischen, der hauptsächlich messianische Weis-sagungen zugeschrieben wurden. Zunächst solldie Pythia dem Augustus Christus als Nach-folger geweissagt haben. Für sie tritt danndie tiburtinische Sibylle ein, die dem Augustusdie Maria mit dem Kinde in einem Ringe amHimmel gezeigt haben soll. Der Kaiser solldaraufhin die ara coeli errichtet haben. Des-halb stellt die christliche Kunst gerade dieseSibylle als Verkündigerin des Messias dar;vgl. unten den Abschnitt über die Sibyllen inder Kunst und die grundlegende Abhandlungvon Vogt, Sibyllen-Weissagung in Paul undBraunes Beiträgen 4, S. 94 ff.
Auch unter ihrem Namen ist eine Samm-lung von Orakelsprüchen erhalten, deren Kernnach Kampers (Die Sib. v. Ttbur u. Vergil,Histor. Jahrb. 1908, S. 26) in den letzten Jahr-zehnten vor unserer Zeitrechnung entstandenist. Sackur (Sibyllinische Texte und ForschungenS. 162) verlegt den ältesten Teil in das 4. nach-christliche Jahrhundert, und zwar unmittelbarin die Zeit nach dem Tode des Kaisers Kon-stantin I . Er sucht den Verfasser „in denKreisen der Katholiken, denen die Unterstützungder Arianer durch Konstantin ein Greuel war“.
Der Inhalt der tiburtinischen Weissagungenstimmt merkwürdig überein mit Sibyllinen, dieBasset (Les apoeryphes ethiopiennes X.) inäthiopischen Apokryphen gefunden hat, so daßeine gemeinsame Quelle wahrscheinlich ist. Vonder großen Verbreitung dieser Prophezeiungen,die in zwei Fassungen erhalten sind, zeugen dievielen vorhandenen Handschriften und Drucke,zusammengestellt bei Sackur, a. a. 0. S. 126 ff.
In der Einleitung werden zunächst die10 Sibyllen aufgezählt. Die 10. sei „in GrecoTiburtina, Latino vero nomine Abulnea“ ge-
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