Buch 
Schiller in seinen Dramen / von Carl Weitbrecht
Entstehung
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Viertes Kapitel.

Kabate und Liebe.

Von dem Felde der politischen Aktion, das Schiller inFiesco" noch unsicher betreten hatte, zog er sich mit seinerfolgenden Tragödie auf ein Gebiet zurück, auf dem er zu-nächst noch besser zuhause war, das auch dem Interesse desPublikums unmittelbarer zugänglicher sein mußte aufdas Gebiet des socialen Lebens und seiner Tragik. Dabrauchte er nicht weit zu gehen, um Zustände und Charakteresofort zur Hand zu haben. Den kleinen deutschen Fürsten,der Louis XIV. spielt, dem das Volk nichts ist als Mittelfür seine Launen und Lüste; den allmächtigen Günstling,der sich durch Verbrechen emporgearbeitet hat und alswilliger Diener der Lüste seines Herrn ihn beherrscht, dasLand knechtet und aussaugt; die abenteuernde Maitresse, fürdie der Schweiß des Volkes zu Perlen und Diamantenwird; den innerlich verfaulten Höfling, von dem man nichtweiß, was größer ist, seine Lächerlichkeit oder seine Schlechtig-keit,das Bonmot von gestern, die Mode vom vorigenJahr", sobald er in Ungnade gefallen ist; die corrumpierteBeamtenwelt, die kein eigenes Pflichtgefühl kennt und zuallem zu brauchen ist, was von oben befohlen wird;das gedrückte und geknickte, um sein Selbstgefühl gebrachteBürgertum, das höchstens eine Faust im Sacke zu machen