Sechstes Kapitel
Walckenstein.
Ein Jahrzehnt etwa liegt zwischen dem „Don Carlos"und dem „Wallenstein". Auch dieses neue Werk reifte sehrlangsam und wuchs dem Dichter so sehr unter der Hand,daß seine Vollendung sich immer weiter hinauszuziehen, jazeitweilig in unabsehbare Ferne zu rücken schien. Erst unterdem Drängen Goethes und angesichts der harrenden Bühnewurde das gewaltige Werk verhältnismäßig rasch vollendsfertig, überwand Schiller vollends die letzten Bedenklichkeitenund Zögerungen, die sein kritisch-dramaturgischer Verstandder Vollendung der Arbeit immer wieder in den Weg ge-worfen hatte. Der Dichter selbst war indessen in jeder Be-ziehung gereift: in wissenschaftlicher Thätigkeit, in historischenStudien, in philosophischem und ästhetisch-kritischem Denkenhatte er seine innere Kraft doch im ganzen mehr gesammeltund verdichtet als zersplittert; sein Wille hatte sich unterkörperlichen Leiden und allerlei Lebenssorgen erprobt undgestählt; andererseits hatte seine glückliche Häuslichkeit, einefeste Stellung im Leben und die Anerkennung der Welt dieleidenschaftliche Unruhe seines Inneren gebändigt; imFreundesverkehr mit Goethe und im eigenen rastlosen Denkenhatte sich sein Kunstbewußtsein geschärft und vertieft. Und