seufzte: „Warum ist doch Eis essen keine Sünde!" Mit einem Negerüber das Ideal der Schönheit streiten, oder mit einem Orientalenüber Ceremoniell und europäische Musik, hieße leeres Stroh dreschen.Eine unreine Zunge hat gar keinen Geschmack, und so steht es auchniit dem geistigen Geschmack, und der Bauer wird sein altes Kirchen-lied dem schönsten Liede Schillers vorziehen. Wir Deutsche bewiesendurch unsere Ausländerei lange genug, daß wir keinen Geschmackhatten, wie THUmmels Maler Sperling, der ohne seinen italienischenNamen Passcrino verhungert wäre.
Die gemeine Regel: „Ueber den Geschmack soll man nicht urthei-len scheint vorzugsweise von dem Komischen zu gelten; das Erhabene,Große, Rührende, Schöne hat allgemeineres, höheres Interesse, dasselbst der Komiker ihm nicht streitig macht, aber nicht so das Komische,für das Viele gar keinen Sinn haben und solches für schlechten odergar keinen Geschmack halten wollen. Aber diese ernsten Denker, diedie herrlichsten komischen Züge frivol nennen oder gar ü la Uoungstets trauern, gehen so gut zu weit, als die, welche nichts als Lachenwollen, wie Italiener und Wiener, die am Burlesken allzuviel Ge-schmack finden, oder Franzosen, deren Sinn nur für Spott und Persi-flage offen zu stehen scheint, wie der der Brittcn für Humor. Soziehen die lesenden Schönen, die stärkerer Rührungen zu bedürfenscheinen, das Tragische dem Komischen in der Regel vor, Aoung'scheMelancholien und Sicgwart'sche Sentimentalitäten, und Jcan-Paul'scheTodes- und Ewigkcitsscencn; ihr Schiller sagt sogar, gelegcnhcitlichdes Mädchens von Orleans:
Krieg führt der Witz auf ewig mit dem Schönen,
Er glaubt nicht an den Engel und den Gott —
Den lauten Markt mag Momus unterhalten,
Ein edler Sinn liebt edlere Gestalten!!!
Das edlere Komische, Humor und echter, lachender Witz haben zuallen Zeiten höheren Werth als das niedere Komische und Possen, aberdarum sind doch selbst diese nicht ganz ohne Werth: Alles zu seinerZeit. In der Jugend lacht man zwar lieber, aber doch gewinnt auchdas Komische gerade in dem Alter, wo man Welt und Menschen näherkennt und von manchen hochfliegendcn Planen, Schwärmereien undallznhohcn Meinungen zur Wirklichkeit hcrabgcfnnkcn ist, neue Reize.Alles Komische verwerfen, ist eine Krankheit des Geistes, in die mehrGebildete des weiblichen Geschlechts weit eher zu verfallen scheinenals Männer, und mit Gründen ist da gewöhnlich nichts auszurichten.