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Charakters vermag ein Alltagsmensch nie lange zn kopiren, und nochweniger der Schurke den offenen, unbefangenen Blick des Redlichen,den er beleidigte; der Teufel guckt ihm aus den Augen. Selbst alteHöflinge scheinen mir stets ein falsches, unstätcs, verzwicktes Auge zuhaben, wie das Auge Verschnittener beim Anblick eines schönen Weibesoder auch nur eines freien Mannes von Geist. Indessen man kannsich irren; was selbst Herr Stix in seiner Blickslehrc, Frankfurt1811, 8. nicht lkugnct, die indessen Weltumgang und Reisen besserlehren, als der größte Lehrer der Mathematik. Wer hatte die Gesichts-züge besser studirt, als Hogarth, und doch zeichnete er einst als Mustereines Dummkopfs einen Unbekannten, und dieser war der berühmteJohnson! Gleiches hätte auch Kant begegnen können. Beim Anblickeines Unbekannten pflegt die Phantasie unwillkürlich ihr Spiel zutreiben, was man selbst an Thieren beobachten kaun, vorzüglich anPferden, Katzen, Hahnen rc.; nur die Hunde scheinen eine Ausnahmezu machen und machen sich sogleich über einander her in Feindschaftund Freundschaft.
Viele Schlauköpfe wissen sogar aus Handschriften weit mehrherauszulesen, als bloße Buchstaben, und mehr als aus Gesichtern.Sie sehen in den vollen runden Buchstaben des Römers seine Manns-kraft und Beharrlichkeit, in den Wellenlinien und Schlangcnzügeu desGriechen seinen Schönheitssinn und seine Verschlagenheit, in derviereckigen Schrift des Germanen seine Geradheit und Festigkeit, undin der bilderreichen Schrift des Morgeuländers seine regellose Ein-bildungskraft. Sie sehen in einer schiefen Schrift Schiefheit desCharakters, im Gekritzel der Weiber ihre Launen, und in derFähigkeit, allerlei Handschriften nachzumachen, Schlechtigkeit oder auchVielseitigkeit. Sie sehen in scharfen, spitzigen Buchstaben den Spötter,in den hinter einander versteckten den Argwöhnischen und in den kargenden Geizigen. Je mehr Genie, desto schlechter die Handschrift, daherdie vielen vernachlässigten Handschriften unserer Gelehrten; oderschreiben sie aus Pfiffigkeit so unleserlich, so ist für diese wahre Sündegegen die Humanität und die Setzer eine Süudflut von Druck- undSchreibfehlern die gerechteste Strafe. Gefährlicher ist noch die flüch-tige, unleserliche Handschrift der Geschäftsmänner, vorzüglich beiNamcnsuntcrschrist. Soll es etwa andeuten, daß sie gar zu sehr mitGeschäften beladen sind. In dem X, das die Bauern machen, siehtman, daß sie nicht schreiben können, wie die alten Ritter; wer aber