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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Erstes Bueli. Zweiter Abschnitt.

Niemand kann erwarten, nach dem Ablauf der ganzen Cultur-periode des christlichen Mittelalters den Materialismus auf demselbenPunkte wieder zu finden, wo wir ihn bei Epikur und Lucrez ver-liessen; die Anknüpfungen an den Materialismus der Alten sind jedochungleich bestimmter und bedeutender, als man sich träumen lässt,wenn man die materialistischen Lehrsätze unserer Tage ohne Weiteresals ein Produkt der neueren Naturwissenschaften hinstellt.

Das System Epikurs, so rein und erhaben es auch ausgebildetwar, hatte doch in seiner Begntigung mit den möglichen Erklärungs-gründen der Dinge eine erschlaffende, das rege Forschen lähmendeRichtung. Die Aristoteliker des Mittelalters waren eifrige Begriffs-spalter und mächtige dialectische Klopffechter, denen gegenüber Nichtsfesten Fuss fassen konnte, als die Thatsache. Es war daher eineNothwendigkeit für alle strebsamen Geister, insofern sie überhaupteinen Schritt wagen wollten, diesen nicht anders zu thun, als bissie sich selbst durch entdeckte Thatsachen dazu gezwungen hatten.In dieser Hinsicht trugen selbst die Schrecken der Inquisition dazubei, eine fest geschlossene Verbindung der Thatsachen als Gegen-gewicht hervorzurnfen und überhaupt ein für allemal den Grundsatzfür die Methodik der Wissenschaften festzustellen, der sich jenenfürchterlichen Gegnern gegenüber am meisten bewährte: mit der That-sache voran; dann vielleicht die Hypothese. Was die Lehre vomMenschen betrifft, die bei den eigentlich materialistischen Systemenneuerer Zeit durchaus in den Vordergrund tritt, so hatte die Lehredes Aristoteles, dass die Seele die Form des Körpers sei, doch tiefgenug gegriffen, um die Anschauungen des Demokrit und Epikur voneiner aus feinen Atomen bestehenden Seele nicht so leicht wiederaufkommen zu lassen. Wenn auch der Ausdruck Spiritus, der viel-fach in der Psychologie zur Bezeichnung der „Lebensgeister“ gebrauchtwurde, eine materielle Deutung zulässt, so wird doch die eigentlichevernünftige Seele als immaterielle Form streng von den Lebensgeisternunterschieden. Sobald man nun Aristoteles, oder wenigstens den mittel-alterlichen Aristoteles verliess, lag die Anschauung nahe, dass jeneForm nur eine Function des Körpers sei, und die materialistischeAnsicht vom Leben, wie die neuere Zeit sie gefasst hat, war imKeime bereits fertig. In der Psychologie griff also eine AnschauungPlatz, welche sich von den rohen Vorstellungen eines Demokrit undEpikur durch Vermittelung der aristotelischen Philosophie auf einenStandpunkt grösserer Consequenz erhoben hatte. Für einstweilen blieb