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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Die Uebergangszeit.

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bedenken, dass der Politiker mit Recht ein Seelenarzt heisst unddarum die Menschen, welche in der Materie versunken sind, gleichKranken und Kindern behandeln muss, und dass er deshalb unbe-kümmert um die Wahrheit der Sache schon um des allgemeinenBesten willen die Unsterblichkeit lehrt, damit die Schwachen undSchlechten wenigstens aus Hoffnung und Furcht auf dem rechtenWege geiien, den edle, freie Gemüther aus eigener Liebe und Lusteinschlagen.“

„Denn das ist geradezu erlogen, dass nur verworfeneGelehrte die Unsterblichkeit geläugnet und alle achtbarenWeisen sie angenommen: ein Homer, Simonides, Plinius und Se-neca waren ohne diese Hoffnung nicht schlecht, sondern nur frei vonknechtischem Lohndienst, Endlich können Gespenstererscheinungennichts beweisen, da sie auf Täuschung oder Betrug beruhen; aberviele Pfaffen verbreiten den Aberglauben, weil er ihnen nützt, seit-dem sie die vier Cardinaltugenden in Ehrsucht, Geiz, Schwelgereiund Ueppigkeit venvandelt haben.“

Aelmlich schrieb Pomponatius über die Willensfreiheit, derenWidersprüche er offen darlegte. Man hat viel darüber gestritten, obbei diesen Ansichten des Pomponatius seine Unterwerfung unter denKirchenglauben mehr als eine blosse Form gewesen sei. Solche Fragensind in diesem wie in den zahlreichen ähnlichen Fällen äusserst schwerzu entscheiden, da wir in keiner Hinsicht den Maassstab unserer Zeitaulegen dürfen. Der ungeheuere Respect vor der Kirche, dem somancher Scheiterhaufen den gehörigen Nachdruck gegeben, genügtevollkommen, um in den Gemüthern auch der freiesten Denker dasCredo mit einem heiligen Schauer zu verbinden, der die Grenzezwischen Wort und Wesen mit einem undurchdringlichen Nebel ver-hüllte.

Diese Zweideutigkeit im Verhältuiss von Glauben und Wissenist ein bezeichnender und sehr standhafter Zug der Uebergangszeitzur neueren Denkfreiheit. Nicht einmal die Reformation vermag siezu beseitigen, und wir finden sie von Pomponatius und Cardanus bisauf Gassendi und Ilobbes in den verschiedensten Abstufungen vomscheu verborgenen Zweifel bis zur bewussten Ironie, Im Zusammen-hang damit steht die Neigung zu einer zweideutigen und die Schatten-seiten mit Vorliebe hervorkehrenden Apologie des Christenthums odereinzelner Lehren, bei der wir ebenfalls neben der offenbaren Absichtvom Gegentheil zu überzeugen, wie bei Vanini, auch Fälle haben,